Borderline-Klischee(s).

Kurz vorab: dieser Beitrag geht auch auf selbstverletzendes Verhalten ein. Lies‘ ihn nur, wenn du dir sicher bist, dass er nichts unangenehmes auslöst  🙂 


Vor kurzem besuchte ich eine Heilpraktikerin. Wir kannten uns bis dato nicht. Beim ersten Besuch erfolgte eine Erstanamnese. Ein bisschen über mich und die Familie erzählen, womit ich physisch und mental so zu kämpfen habe usw.

Irgendwann sagte ich es. Dass bei mir Borderline diagnostiziert wurde. Nach einem kurzen Dialog dann die Frage (mit Blick zu meinem Arm und sichtlich verunsichert):

„Geschnitten hast du dich aber nicht, wenn ich das sehe… oder?“

– Ne. Bin ich auch froh drum.

„Ja. Weil das ist ja immer so das erste an das man dann so denkt. Der Blick geht dann immer als erstes in Richtung Arm wenn man Borderline hört“

Ja. Stimmt. Leider ist das so.


Und genau das ist falsch daran.

Ich denke sehr oft darüber nach, ob meine „Diagnose“ eine Da-Seins-Berechtigung hat. Da ich mich nicht durch das Schneiden meiner Haut selbst verletze. Ich fügte meinem Körper niemals Narben zu.

Und die Antwort ist eigentlich simpel: Natürlich hat sie das.

Denn Borderline ist nicht Selbstverletzung.
Borderline ist nicht ritzen.
Borderline ist viel mehr.

Ganz am Anfang gab es bereits einen Beitrag von mir, der sich damit befasst hat, was Borderline ist. Ihr findet ihn hier . Und in den ganzen Tagebuch-artigen Einträgen und Therapie-Berichten ist das hier irgendwie untergegangen. Also mehr oder weniger. Denn typische Merkmale wie Verlustängste und damit verbundene verzweifelte Bemühungen diesen entgegen zu wirken, zwischenmenschliche Probleme in Form von unbeständigen, oft unangemessen intensiven zwischenmenschlichen Beziehung sowie die fehlende Emotionsregulierung mit starken Stimmungsschwankungen, die extremen Reaktionen bei situationsbedingtem Stress sowie chronische Gefühle von Leere oder Langeweile sind Aspekte, die in meinen Beiträgen immer wieder Anklang finden. Denn sie begleiten mich in meinem Alltag.

Selbstverletzendes Verhalten bildet nur EINEN einzigen Punkt von neunen. Und Borderline lässt sich eigentlich erst bei 5 zutreffenden Aspekten diagnostizieren. Und selbst dann heißt dies nicht, dass man automatisch eine Borderline-Störung hat.

Denn ich finde, die Aspekte sind viel zu grob definiert. Verlustängste und Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen können auch aus einer Angststörung oder einer posttraumatischen Belastungsstörung hervorgehen. Insgesamt gibt es viele schwammige Übergange zu anderen psychischen Krankheiten.

Und ich bin davon überzeugt, dass die Aspekte der fehlenden Emotionsregulierung, aus denen die extremen Reaktionen und starken Stimmungsschwankungen hervorgehen sowie das chronische Gefühl von Leere oder Langeweile viel aussagekräftiger sind als die reine Tatsache der Selbstverletzung.

Aber gut. Betrachten wir mal den Punkt der Selbstverletzung. Wieso bedeutet Borderline Narben zu haben? Ist es nicht genauso schädigend sich immer wieder vor den Kopf zu hauen, bis man einfach nichts mehr fühlt oder bis man endlich überhaupt etwas spürt?

Und…. fragt sich überhaupt einer warum sich Borderliner selbstverletzen?

Für Aufmerksamkeit ? Nein. Das ist sicherlich bei den allerwenigsten der ursprüngliche Grund. Insbesondere bei jenen, die eine feste Diagnose haben (damit möchte ich mich in diesem Beitrag bewusst von der jüngeren Generation abgrenzen, welche es sich – warum auch immer – zu einem traurigen, kurzweiligen Trend gemacht hat, sich die Arme aufzuschneiden und dies am nächsten Tag in der Schule zu erzählen).

Wieso nie hinter die Fassaden blicken wollen? Es gibt sicherlich Menschen, die durch ihre Narben das Gefühl bekommen gesehen zu werden, wichtig zu sein, Fürsorge vermittelt zu bekommen. Doch das ist nur selten der eigentliche Grund. Welcher ist es also?

Fragt ihr mich, gibt es unzählig viele Gründe.

Ein weit verbreiteter Grund ist, sich zu verletzen, um den Körper zu spüren. Um irgendwas zu spüren und damit die Leere zu füllen, die unaushaltbar wird. Bei mir war es das nie. Und ist es auch nicht. Auch vor einem Jahr war das nicht so.

Denn ich verletze mich (wenn es noch vorkommt), wenn die Emotionen (meist: Wut und Schuld) so stark werden, dass ich sie nicht mehr aushalten kann. Wenn ich in einem Streit gefangen bin und keinen Ausweg weiß und ich mich komplett für diesen Streit verantwortlich fühle. DANN passiert das. Und entgegen des Klischee-Grundes fühle ich meinen Körper in dem Moment sehr gut.
Ich kann also nur sagen: Ich tue mir nicht weh, um ihn zu spüren. Ich tue mir weh, weil die Anspannung und diese Ausweglosigkeit weg muss und ich mir selbst die Schuld für das Schlamassel gebe. 

Und ihr seht: das sind nur zwei von wahrscheinlich vielen möglichen Gründen. Es ist schlichtweg nicht pauschalisierbar.

Was ich mich dann noch frage ist… wieso legen die Medien den Fokus nicht mehr auf weniger Extreme Aspekte wie die fehlende Emotionsregulierung oder gar auf positive Aspekte, wie der häufig vorhandenen starken Empathie (Borderline und Empathie)? Wahrscheinlich weil Drama immer besser ankommt als positive Sachen. 

Und das macht mich traurig.

Was ich hier vermitteln möchte ist,  dass Borderline sich, wie jede andere psychische Krankheit, komplett individuell äußern kann. Und, dass nur, weil man gewisse Punkte oder Klischées nicht erfüllt, dies nicht bedeutet, dass man weniger „schlimm betroffen ist“oder das eigene Trauma weniger Wert hat (siehe auch hier). Überhaupt sollte man sich hier niemals mit irgendwem oder irgendwas messen. 


Was ich noch aus meinem Beitrag von letztem Jahr mitnehmen kann und möchte ist:

Ich schrieb „Ich glaube meine verzerrte Wahrnehmung und die instabilen Beziehungen resultierend aus meiner Verlustangst sind derzeit noch meine größten Schwächen“.

Heute kann ich sagen, die verzerrte Wahrnehmung lässt nach. Ich bekomme mehr Gespür für mich, meine Emotionen, mein Verhalten. Ich kann jetzt besser wahrnehmen, was ein altes Muster ist, inwiefern es ein bestimmtes Gefühl produziert und was von meiner Wahrnehmung lediglich den starken Emotionen zuzuschreiben ist und was tatsächlich Realität ist.

Die instabilen Beziehungen sind nach wie vor ein großes Manko. Und auch wenn ich immer wieder Phasen habe, in denen ich denke „Jetzt habe ich es im Griff“, kommt die nächste Spirale der Aufwärtsspirale und es fühlt sich an, als hätte ich nichts erreicht. Doch das hat man. Es dauert nur einfach. Sehr sehr lange. Und es kostet viel Kraft. Doch mir ist es das wert, denn hier eine Erinnerung an mich und an alle, die es brauchen können:

Wir können vielleicht nicht immer unsere Krankheit heilen. Aber wir können Verhaltensweisen erlernen, die uns helfen besser damit umzugehen.




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