Wenn das grau nicht mehr reicht.

Borderline heißt Grenze. Borderline zu haben, kann bedeuten, immer wieder an der Grenze zu balancieren. Diese zu überschreiten. Nur um das schwarz- weiß Denken aufrecht zu erhalten. Denn grau ist oft nicht bekannt. Trotz Therapie passiert es mir immer noch hin und wieder. Ohne Rücksicht auf die Konsequenz, die mir durchaus bewusst ist.

Da war es. Das grau. Unser Beziehungs-grau. Das, was unser Ziel war.

Ist doch super! Ziel erreicht. Eine Beziehung, die beständig wird. Ich erfahre, dass ich geliebt werde. Ich bekomme es gezeigt, gesagt. Mir wird vertraut. Ich vertraue. Ab und zu gibt es mal eine Diskussion, ja die kann auch ausarten, aber deutlich weniger als früher. Und anders. Besser.

Grau halt. Nicht besonders krass gut. Nicht besonders krass schlecht.

Und was denkt sich Lynn dann? Langweilt mich. Lieber wieder etwas schwarz. Wie kriegen wir das hin? Wir verletzten den anderen. Holen seinen größten Trigger hervor und knallen ihm den vor den Latz. Verhalten uns so, als hätten wir gar nichts gelernt. Treffen die Person, die den größten Trigger darstellt für diese Beziehung. Vollkommen unreflektiert und wieder einmal ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, die es tragen kann.

Rückfahrt. Elendiges Gefühl. Ich will nicht wieder lügen. Ich will kein Lügenkonstrukt bauen. Das bin ich nicht mehr. Ich will vertrauen. Ich dem anderen und der andere soll mir vertrauen können. Dass das Treffen bereits ein Vertrauensbruch war, weil vorher nicht drüber gesprochen werden konnte, ist mir klar. Aber hat scheinbar nichts gebracht.

Ok. Ich komme zu ihm. Ich sage es direkt. Ich begründe das Sagen mit dem Vertrauen, welches ich haben möchte. Wut. Verletztheit. Wut. Verletztheit. Er kann es nicht verstehen. Wieso ich seinen größten Trigger wieder heranziehe. Wieso ich wieder einmal das roteste Tuch nehme, was es für ihn gibt, und es wedel. Er sagt es war klar. Weil sich niemals etwas ändern wird.

Für mich hat sich in dem Moment bereits einiges verändert. Ich sitze da nicht weinend und schluchzend vor ihm. Ich sitze da mit einer gewissen Reue aber auch mit Stolz. Mit dem Wissen, dass es nicht okay ist, ihn zu verletzen. Aber mit dem Selbstbewusstsein, dass ich deswegen kein Unmensch bin. Und ich stehe dazu, was ich getan habe. Nicht mehr willenlos getrieben von Verlustangst und dem verzeifelten Anbetteln um Verzeihung. Nein. Mir ist klar, dass er mich jetzt verlassen kann. Das macht mir Angst. Das macht mir riesen Angst. Aber ich zeige sie nicht. Sie bleibt bei mir.

Und trotzdem verstehe ich nicht, wieso ich das getan habe. Wieso ich mich dazu entschied mit dieser Person einen Spaziergang zu machen. Obwohl ich weiß, dass diese Person ein absolutes No-Go für den Partner ist.

Der Partner bittet mich zu gehen. Er bedankt sich, dass ich es ihm erzählt habe – er könne es nur gerade einfach nicht händeln. Ich kriege Angst. Doch sie bleibt wieder bei mir. Ich frage möglichst gefasst:

Soll ich jetzt für jetzt gehen.. oder für immer?

„Nein, für jetzt. „

Können wir in 2 Stunden noch einmal reden?

„Wir können es versuchen.“

Danke. Es tut mir leid.

„Mir auch.“

Ich gehe. Ich rufe die beste Freundin an. Ich bin erstaunlich ruhig. Ich weiß nicht, was ich fühle. Schuld. Stolz. Schuld. Stolz. Und dann verstehe ich immer mehr, was passiert ist.

Das grau. Es war nicht mehr genug. Es reicht mir nicht. Da müssen Grenzen her, die ich überschreiten kann. Die Person ist eine Grenze, von der ich weiß. Wenn ich sie überschreite, kriege ich ein Extrem. Also tat ich es. Weil ich dachte, dann wird das grau verschwinden. Denn grau kenne ich nicht. Grau ist beängstigend. Grau ist „langweilig“. Also brauche ich schwarz oder weiß. Irgendein Gefühl, was extrem ist. Ich realisiere, dass ich die letzten zwei Wochen verzweifelt versuchte ein weiß herzustellen. Durch extrem guten, häufigen Sex, der nur leider nicht so oft eintrat wie mir lieb war, weil das Gegenüber nicht so viel Lust hatte. Durch das Bedürfnis immer wieder gesagt zu bekommen, wie liebenswert ich bin. Und es hat nicht geklappt, wie ich wollte. Also widme ich mich wohl dem schwarz zu.

Doch grau ist es, was ich eigentlich lernen möchte. Was ich LIEBEN lernen möchte.

Und ich hatte es. Und ich fand es gut. Aber nicht für lange Zeit. Denn es war wieder einmal nicht genug. Ich überschreite wieder eine Grenze und riskiere zu verlieren, was ich liebe.

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