Borderline und Wut.

Wut. Wut. Wut. Sie ist wieder da. Lange war sie weg, was für ein Segen. Da ist sie wieder. Zu wenig um mich gekümmert. Zu wenig auf kleinere Wutanbahnungen geachtet. Jetzt kommt sie wieder in einer Explosion hoch. Jedes Mal, wenn die Anspannung zu hoch wird. Jedes Mal, wenn der Kritiker mich übermannt. Jedes Mal, wenn ich mal wieder an mir zweifel.

Wut. Wut. Wut. Überall nur Wut. Ich hasse Wut. Sie ist nicht auszuhalten. Sie verleitet mich dazu, mich wie der letzte Mensch zu verhalten. Menschen, die ich liebe, abzustoßen. Menschen, die mir nahe stehen, bis ins unermässliche zu triezen. Und erst kurz vor der totalen Eskalation merken, dass es zu viel war.


Dann kommt die Schuld. Sie geht Arm in Arm mit der Wut. Und nach der Schuld wieder die Wut. Wut darauf, wieso ich mich ständig schuldig fühlen muss. Ich bin halt wie ich bin. Aber das zählt auch nicht für alles als Ausrede. Ich kann nicht um mich schlagen (mit Worten) und dann erwarten, dass mein Gegenüber es einfach toleriert. Kann ich nicht. Will ich aber. Zumindest erwarte ich es in dem Moment. Und das passiert – Überraschung – eher selten – ist ja klar.

Also wird die Wut immer stärker. Und ich immer ohnmächtiger.

Nachdem es bereits gestern Abend mit dem Partner eskalierte – und ich heute eigentlich dachte verstanden zu haben, dass meine Vorwürfe ihm gegenüber wirklich mehr als unberechtigt waren – fing ich gleich nach dem Aufstehen den nächsten Streit an. Und die Geduld vom Gegenüber war natürlich gleich Null. Klar, wenn ich immer bis an die letzte Grenze des Anderen gehe und trotzdem erwarte, wie die Prinzessin auf Erden behandelt zu werden.


Streit.


Irgendwann wirft er das Stop-Signal ein. Ich halte mich dran. Stop-Signal heißt 2 Stunden Funkstille auf allen Kanälen. So bei der Paartherapie festgelegt.

Ok. Funkstille. Für ihn. Für mich geht der Kreislauf hier in die nächste Runde.

Schuldgefühle. Wut. Schuldgefühle. Wut. Und für einen kurzen Moment sehe ich mich selbst. Als Kind. Ich schreie und wüte zuhause. Ich will, dass Mama mich jetzt trotzdem liebt. Ich will, dass ich diese Schuld nicht tragen muss. Ich hasse es so zu sein. Ich schreie um Aufmerksamkeit. Ich kann doch gar nicht anders. Aber ich werde wieder und wieder ins Zimmer geschickt. Egal wie oft ich rauskomme, ich werde immer wieder reingeschickt. Und ich höre erst auf rauszugehen, als man die Zimmertür geöffnet lässt. Ich wüte weiter und weiter. Schreie. Trampel. Schreie. Irgendwann höre ich auf. Und keine Sekunde später verzweifel ich. Und fühle mich schuldig. Für alles, was gerade passiert ist.

Und genau das sehe ich alles vor mir heute morgen. Mich. Wütend. Als Kind. Zuhause. Weinend und verzweifelt. Genauso wie heute. Nur eben, dass ich jetzt 15 – 18 Jahre älter bin.


So kann das nicht bis Montag weitergehen. Dann verliere ich alles. Ich brauche Hilfe.


Ich rufe die schlaue Frau an. Halte es nicht aus. Diese Wut auf mich. Die ganze Zeit suche ich nach rationalen Erklärungen. Warum bin ich jetzt so? Die Prüfung ist vorbei. Ich müsste entspannt sein. Warum wieder diese impulsive, unreflektierte Art an den Tag legen? Warum wieder Menschen, die ich liebe, so lange bearbeiten, bis sie wütend auf mich werden und mich abstoßen?

Borderline. Grenze. Grenzgängerin. Ja. Das macht sie aus die Krankheit. Und in Momenten wie diesen merke ich es immer wieder. Ich höre erst auf, wenn ich kurz davor stehe, alles zu verlieren. Ich verstricke mich in Widersprüchen. Lege mir die Realität so zurecht, wie ich sie brauche. Was ich 2 Stunden vorher gesagt habe, zählt nicht mehr. Gibt’s nicht mehr. Was der andere gesagt hat, wird ihm im Mund umgedreht. Ich glaube in dem Moment wirklich, was ich sage. Obwohl es so oft gar nicht stimmt.


Die schlaue Frau ruft 2 Stunden später zurück. Ich erzähle ihr, wie ich mich fühle und wiederhole ungefähr 5x, dass ich das einfach nicht verstehe. Dass ich nicht verstehen kann, wieso ich jetzt so angespannt bin. Wieso ich mich dem Partner gegenüber so verhalte. So, als hätte ich wirklich nichts dazu gelernt. Wieso ich die alten Muster wieder und wieder abspiele, obwohl ich sie doch schon so oft durchbrochen habe bis jetzt.


Sie sagt in einem Hochanspannungszustand springt der Autopilot an. Und der ist nunmal noch immer stark an den alten Mustern orientiert. Und deswegen verhalte ich mich so. Sie fragt, was ich zur Entspannung gemacht habe seit der Prüfung. Nix. Also doch. Serie geguckt mit den Freundinnen. Dann kam die Stille und mit ihr die Anspannung.

Sie sagt sie vermutet, dass ich immernoch in einem Hochanspannungszustand stehe und ich etwas aktives brauche, was hilft diese abzubauen. Den Stress der letzten Wochen abfallen zu lassen.


Ja! Aber was denn? Was soll ich tun? Ich weiß es nicht.

„Sie könnten spazieren gehen. Laut Musik hören. Schreien. Ins Kissen boxen. Was auch immer.
Aber so etwas wie Serie schauen oder baden wird Ihnen nach meiner Einschätzung gerade nicht helfen, die Anspannung loszuwerden. Es wirkt als würde dies Ihre Anspannung nur verstärken.“

Ok. Ok. Ja. Ok.


Die schlaue Frau sagt außerdem, dass der Anspruch direkt heute mit dem anderen Uni-Zeugs zu starten, ganz schön hoch ist. Und ich mir 1-2 Tage Pause gönnen muss, bis ich damit starte. Da die letzten Wochen durch diese Prüfung besonders stressig und anstrengend waren.

Sie sagt, ich muss darauf hören, was der Körper mir sagt. Und nicht versuchen, mir alles rational zu erklären. Sondern annehmen, was auch immer da kommt. Wut. Tränen. Trauer. Und dann schauen, was ich explizit für mich tun kann.


Ich. Nicht der Partner. Ich.


Die Musik ist laut während ich das hier schreibe. Die Welt um mich herum ist still. Und es hilft. Irgendwie.

Doch eins ändert sich nicht: Ich hasse, dass ich so bin, wie ich bin, wenn ich wütend bin. Ich will diesen Teil nicht. Ich will, dass es einfach wird. Dass ich lieben kann, ohne dauernd irgendwelche impulsiven Aussetzer zu haben, die mich wie die letzte Freundin darstellen lassen.

Ich will ohne Borderline leben und lieben. Und da das nicht geht, zumindest so, dass ich nicht dauernd bis an jede Grenze Anderer gehe, die mir geboten wird.

2 Kommentare zu „Borderline und Wut.

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