Autofahrt mit der kleinen Lynn.

Liebe kleine Lynn
ich hoffe du verstehst, dass ich gestern überfordert war, als wir Auto gefahren sind. Ich hoffe du verstehst, dass ich deine Trauer wahrgenommen habe. Ich habe dich gesehen und, dass du weinst. Ich war so von meinem inneren Kritiker beeinflusst, dass ich es nicht schaffen konnte dir den Raum zu geben, den du brauchtest.
Trotzdem versuche ich dir im Moment jeden Tag Zeit und Möglichkeiten zu geben, Raum in mir zu finden. Du darfst traurig sein, denn wir haben jemanden verloren, den wir lieben. Und damit ist die Angst bestätigt worden, die wir schon seit wir denken können mit uns herum tragen.

Aber der Verlust bedeutet nicht, dass wir alleine sind. Denn ich bin jetzt groß und ich kann auf dich und auf uns aufpassen. Ich kann dich trösten. Du musst dich nicht dafür schämen, dass du traurig bist. Du musst nicht wütend werden. Ich bin für dich – für uns da. Ich passe auf uns auf.

Es ist normal und absolut okay, dass du das nicht alleine verarbeiten kannst. Denn das einzige, was du gerade siehst ist die Trauer und den Verlust – aber dafür bin ich jetzt da. Wir schaffen das zusammen.

Ich habe dich lieb und lasse dich niemals alleine.
Deine Lynn.


Habe mich immer gewundert, wenn Leute, denen ich folge sagten, dass sie Pause von Social Media brauchen, wenn es ihnen wirklich schlecht geht. Für mich war das mein Überlebenelixir. Ich habe gebloggt, wenn ich so richtig wütend war. Das tat immer gut. Wenn das schwarze Monster zu Besuch war auch.

Aber in diesen Tagen macht mir das bloggen Angst. Ich habe Angst davor, dass ich Gefühle hoch hole, die ich gerade nicht haben möchte. Und gleichzeitig weiß ich, dass es mir am Ende doch immer gut tut.

Letzten Samstag war die Trennung. Sonntag nahezu unaushaltbar für mich. Montag meine Sitzung. Der Rest des Montags ebenso nahezu unaushaltbar. Jede Minute der Drang Kontakt aufzunehmen, Gefühle zwischen Orientierungslosigkeit, Wut, Trauer, Hass. Ein Kreislauf, der nie enden zu schien.

Dienstag wieder Uni-Alltag. Mittwoch auch. Am Nachmittag ein Telefonat mit der besten Freundin – statt eines Treffens (Leute, das ist wirklich wichtig in diesen Zeiten – es tut euch gut. Ruft eure Freunde an). Ich wollte erst überhaupt nicht. Was soll das? Am Ende fühlte ich mich gut. Weniger allein. Donnerstag Uni-Alltag. Tausend Aufgaben hier. Tausend Aufgaben da. Und dann arbeiten. Besser aushaltbar als der Montag. Gestern einen richtig vollgepackten Tag gehabt – bloß nicht alleine sein.

Auf der Rückfahrt meldet sich die kleine Lynn. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Die kleine ist traurig, einsam. Das macht sie wütend, gleichzeitig fühlt sich sich beschämt dafür. Der innere Kritiker schaltet sich ein: Wir werden niemals eine richtige Beziehung führen können. Wir werden niemals eine harmonische Familie haben können. Das sagt er uns – der kleinen Lynn und mir. Wir beide sitzen mit ihm im Auto und fahren, fahren, fahren. Ich switche zwischen mir, der kleinen Lynn und dem inneren Kritiker immer wieder hin und her – zwischen den Wechseln liegen manchmal nur Sekunden. Es ist anstrengend. Es fühlt sich an als würde ich ersticken.

Die schlaue Frau hat gesagt, dieses Empfinden kommt nur auf, wenn ich versuche ein Gefühl zu unterdrücken.

Ich versuche es doch zuzulassen. Ich gebe doch alles.

Wut. Verzweiflung. Ich weine. Dann schweige ich. Dann will ich schreien. Scham. Dann weine ich. Dann schweige ich. Verzweiflung.

Irgendwann setzt der distanzierte Beschützer-Modus ein. Ich fahre den Rest der Strecke und fühle dabei vermeintlich nichts. Als ich zuhause bin muss ich gegen gefühlt tausende, aufkommende Impulse kämpfen. Ihm nicht zu schreiben, ihn nicht anzurufen, ihn dann nicht anzuschreien, mich dabei zu schämen. Ich bin müde.

Ich nehme was zur Beruhigung. Nach circa 30 Minuten fängt es an zu wirken. Die Impulse werden weniger. Ich habe aber auch wieder das Handy in der Hand. Seit ich zuhause bin – Social Media und Kontakt zu „Freunden“.

Dauerhaft. Um nicht denken zu müssen. Um nicht fühlen zu müssen. Um mit anderen schreiben zu können. Und die kleine nicht wahrnehmen zu müssen. Das ist nicht gut – das weiß ich. Es fällt mir auch auf – aber ändern kann ich es gerade nicht. Das ist das einzige, was mir derzeit Schutz bietet.

Denn vom Bewältigungsmodus „Mann“ möchte ich mich gerade verabschieden. Und ich habe Erfolg. Das erste Mal in meinem Leben habe auch ich eine Schranke im Kopf, sobald mir jemand näher kommen möchte als freundschaftlich (z.B. beim Schreiben). Es tut sofort weh. Ich blocke es sofort ab. Und ich artikuliere das auch. Auch wenn ich damit riskiere „uninteressant“ zu werden.

Ich bin nicht mehr die, die leicht zu haben ist, weil sie emotional instabil ist.
Ich bin nicht mehr die, die krampfhaft versucht Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie sich selbst nicht genug wert ist.

Ich bin mir schon so viel mehr wert als letztes Jahr nach der ersten Trennung von meinem Ex. Das merke ich gerade. Und das macht mich ein wenig Stolz. Auch wenn der Stolz mir Angst macht. Das kenne ich doch gar nicht – stolz auf mich zu sein. Habe gefühlt nie was richtig gemacht – und wenn, dann habe ich es spätestens beim nächsten Mal wieder verkackt.

Aber für den Moment merke ich, was ich gerade mache. Und erkenne, dass ich da viel weiter bin als letztes Jahr. Und das ist es, was zählt.

Das mit dem Handy schaffe ich auch noch. Ganz sicher.

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