Primäre & Sekundäre Gefühle.

Ein Auszug aus der heutigen Therapiesitzung:

Gefühle. Wir kennen sie alle. Wir haben sie alle. Was wir alle lernen sollten ist, unsere Gefühle genauer zu betrachten. Denn nicht jede Reaktion, die wir als Hauptgefühl empfinden, ist am Ende auch das tatsächliche „Gefühl“. Das klingt erstmal verwirrend. Find‘ ich auch. Und trotzdem ist es eigentlich ganz logisch.

Ihr merkt: die schlaue Frau hat heute ein bisschen Theorie mit mir gemacht. Und ich würde dies gern mit euch teilen. Sie versuchte mir zu erklären, dass man bei Gefühlen zwischen primären und sekundären Gefühlen unterscheiden muss. Als Beispiel wähle ich das Gefühl der Wut aus, da wir dies auch heute in der Sitzung besprochen haben.


Als Einstieg noch einmal ein kurzer Rückblick zu der letzten Sitzung vor zwei Wachen: Nach dieser Sitzung ließ mich die darin angestaute Wut tagelang nicht los. Egal, was ich versuchte, sie ging einfach nicht weg. Denn ich sollte vor zwei Wochen versuchen, meine Wut (welche definitiv da war, denn mein ganzer Körper war voller Anspannung) an meiner schlauen Frau auszulassen. Doch es gelang mir nicht. Zu viel Schamgefühl, zu viel Angst, die mich daran hinderte die Wut der schlauen Frau entgegen zu bringen. Das Resümee der Sitzung war: Ich unterdrücke meine Wut.

In meinem Kopf ergab diese Aussage bis zu unserer heutigen Sitzung keinen Sinn. Denn was ich von mir weiß ist: Ich bin immer und ständig wütend. Ich explodiere in jedem Streit. Ziemlich schnell sogar. Wo also unterdrücke ich meine Wut? Und wenn ich doch eigentlich Scham davor habe, sie auszudrücken, wieso tue ich dann trotzdem jedes Mal? Wo also sieht die schlaue Frau da ein „Unterdrücken“ meiner Wut?


Hier setzte sie mit der Theorie über primäre und sekundäre Gefühlen an. Sie erklärt, dass hinter einem ersten Gefühl meist auch noch ein zweites steckt. Das eigentliche (Ursprungs-) gefühl (primär), wird durch das sekundäre, andere Gefühl ersetzt. Beide Gefühle haben ihre Daseins-Berechtigung und keins sollte als schlechter oder besser, nützlicher oder nutzloser bewertet werden.

Die schlaue Frau erklärt es mir an einem für mich etwas leichteren Beispiel. Folgende Situation: Mein Partner sagt er möchte mich heute Abend nicht sehen. Da er Zeit für sich braucht. Ich werde wütend.

„Ich werde wütend“ – Das ist, was ich empfinde. Ich denke also (natürlich): Wut ist gerade das primäre Gefühl. Denn das ist es, was ich wahrnehme. Bei genauerem Hinsehen wird mir jedoch klar, dass da eigentlich ein andere Gefühl ist, was seine Antwort in Form einer Zurückweisung bei mir auslöst: Angst. Angst davor, ihn nicht kontrollieren zu können. Angst davor, ihn zu verlieren, wenn ich nicht bei ihm bin. Es wird deutlich: Die Wut ist somit gar nicht das primäre Gefühl. Es ist vielmehr nur das Gefühl, was aus meiner eigentlichen Angst hervorgeht. Ich habe die Wut der Angst übergestülpt. Warum tue ich das? Wieso Wut statt Angst? Weil ich in der Vergangenheit

1.immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass ich eine Belastung für meine Mitmenschen darstelle, wenn ich anfange meine Gefühle zu zeigen. Daher tendiere ich dazu dies für lange Zeit erst einmal nicht zu tun

und 2. ich die Wut nicht bewusst auswähle. Sie gefällt mir nicht mehr als die Angst. Am liebsten würde ich die Wut auch nicht zeigen. Denn Wut bedeutet Schuld. Und Schuld mag ich nicht. Die Wut resultiert am Ende vielmehr automatisch aus dem ersten Punkt.

Weil ich, und genau das ist der Punkt, an dem es bei mir heute zumindest für einen kurzen Moment klick gemacht hat, scheinbar viel öfter wütend bin, als ich es wahrnehme. Es gibt im Alltag viel mehr Situationen, in denen ich eigentlich über gewisse Dinge wütend bin. Oder verletzt. Ich diese aber nicht zeige oder artikuliere, weil ich verinnerlicht habe, dass dies nicht tragbar ist. Und ich sage euch ganz ehrlich: ich habe keine Ahnung wann diese „kleineren“ Gefühle (insbesondere die Wutmomente) stattfinden. Ich habe derzeit (noch) kein Empfinden dafür.

Denn ich kenne meine Wut nur vulkanartig. Und laut der schlauen Frau kommt diese immer dann zum Vorschein, wenn ich die ganze Scham und Angst davor, meine Gefühle (Wut, Angst, Trauer, etc.) zu zeigen, so lange ausgehalten und unterdrückt habe, bis es nicht mehr geht. Und dann geht es nicht mehr anders. Quasi wie eine Wasserflasche – gefüllt mit Kohlensäure. Die nach minutenlangem Schütteln, wenn man sie nicht achtsam öffnet, einfach explodiert. Die schlaue Frau möchte, dass ich lerne die Flasche achtsam zu öffnen. Sie möchte, dass ich meine versteckten Gefühle, insbesondere das Gefühl der Wut, also bereits früher erkenne und zulasse. Um so gleichzeitig eine neue Verknüpfung zu schaffen, in der Wut ein Gefühl ist, was ich nicht nur als schädlich empfinde. Denn für mich bedeutet Wut, dass ich jemanden so sehr verärgere, dass er es nicht aushalten kann. Ich soll verstehen, dass Wut rauszulassen auch gut tun kann – aber eben nur, wenn man es achtsam und in kleinen Päckchen tut.

Aber dafür muss ich die kleinen Päckchen erstmal erkennen. Dafür muss ich erkennen können, wann Wut das primäre Gefühl ist. Wann es nicht mehr das sekundäre ist, welches sich vulkanartig als Resultat meiner Überforderung und Unterdrückung aller anderen Gefühle äußert.


Während des Schreibens kam mir die Idee das ganze hier mal als Diagramm aufzumalen. Ihr findet beide unten.

Das erste Diagramm zeigt, wie es gerade ist. Es zeigt, was passiert, wenn ich die ganzen (über einen längeren Zeitraum auftretenden) negativen Gefühle unterdrücke und dann in ein Angstgefühl komme. Das primäre Gefühl der Angst wird hier sofort durch die Wut ersetzt, welche sich nur explosiv äußern kann, weil aufgrund der vorherigen Unterdrückungen zu viel angestaut wurde um die Wut päckchenartig zu entladen.

Das zweite Diagramm zeigt, was passieren würde, wenn ich Gefühle erkennen und artikulieren / rauslassen könnte und dann in ein (dasselbe wie in Diagramm 1 angegebene) Angstgefühl komme. Im besten Fall kann ich das Angstgefühl bewältigen ohne wütend zu werden. Daher ist die Wut-Kurve in Klammern. Klappt dies nicht – was auch okay ist – ist das sekundäre Gefühl der Wut zwar da, aber wenigstens nicht mehr so explosiv wie im ersten Diagramm. Die dann auftretende Wut wird konstruktiver rausgelassen und führt zu weniger „Schäden“ bzw. unangenehmen Resultaten.


Es klingt so einfach. Und doch ist es so schwierig. Da ich, wie bereits beschrieben, diese kleinen, schwächeren Gefühle, welche am Anfang des Diagrammes stehen, noch nicht einmal erkennen kann. Ich bin so automatisiert darin sie zu unterdrücken, dass ich sie nicht sehe oder wahrnehme.

Der erste Schritt ist also mich mehr für meine Gefühle zu sensibilisieren und anhand dieser zu üben Gefühle, wenn sie noch nicht ganz so intensiv sind, konstruktiv rauszulassen. Um anschließend auch stärkere Gefühle besser händeln zu können und Wut nicht nur explosiv rauslassen zu können.


Diagramm 1: So besser nicht.

Diagramm 2: So ist’s besser.

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