22.September.

Komme derzeit gar nicht dazu viel zu schreiben. Gestern war die Sitzung bei der schlauen Frau. Hingegangen, wie immer mit einem groben Plan worüber ich reden mag. Komme rein. Sie schaut mich an und fragt nicht wie sonst „Was haben Sie mitgebracht? Wie geht es Ihnen?“ oder ähnliches. Sie sagt, dass sie etwas vorbereitet hat. Eine Zwischenreflexion. Mein Herz fängt an zu rasen. Und sie spricht es aus: Wir haben die 50. Sitzung nun hinter uns. Und das heißt es stehen nach der gestrigen Sitzung „nur“ noch 9 weitere aus. Noch mehr Herzrasen. Angst. Sie sagt, dass die Reflexion dazu dient zu schauen, was ich schon erreicht habe. Und, was mir eventuell noch fehlt.

Außerdem wird sie einen Folgeantrag stellen. Aber die Chancen, dass dieser genehmigt wird, stehen schlecht. Die im Gutachten angegebene Diagnose wird in der Regel nicht mit mehr als 50 Sitzungen behandelt. Die Diagnose Borderline können wir nicht angeben – ein zu hohes Risiko für meinen späteren Beruf. Sie sagt beim letzten Mal war es bereits schwierig den Gutachter davon zu überzeugen weitere Sitzungen zu genehmigen. Aber sie will es probieren. Und zwar rechtzeitig, denn wenn er ablehnt hätten wir genug Zeit um die Therapie erfolgreich zu beenden.

Erfolgreich beenden? Neun Sitzungen? Ich bin doch noch gar nicht so weit. Wie soll ich das ohne sie schaffen? Ich fühle mich nicht bereit. Noch nicht.

Ich unterschreibe den Antrag. Ich habe Angst. Wir werden sehen. Die Reflexion verläuft gut. Ich erkenne einige Fortschritte. Bin stolz auf mich. Ich sage aber, dass mir aktive Handlungsalternativen fehlen. Das innere Kind und ich kennen uns jetzt, wir haben eine Verbindung. Mal mehr, mal weniger. Ich bin achtsamer. Ich merke, wann ich Zeit für mich brauche (zumindest wenn ich alleine bin – in einer Partnerschaft noch nicht). Ich erkenne die verschiedenen, aktivierten Modi – kenne einige meiner dysfunktionalen Bewältigungmodi und schaffe es gelegentlich aktiv gegen zu lenken.

Aber ich bin immernoch total unbeholfen, wenn gewisse Bedürfnisse nicht befriedigt werden und meine Gefühle daher unkontrolliert ausbrechen und zu einem nicht zielführenden und destruktiven Handeln führen. So auch in den letzten Streitigkeiten mit meinem Partner. Fast immer steckte das einsame Kind dahinter, welches mehr Liebe und Aufmerksamkeit brauchte und dann wütend wurde – impulsiv handelte und dadurch schneller einen destruktiven Streit verursacht hat.

Das ist keine Schuldzuweisung. Ich fühle mich auch nicht alleine dafür verantwortlich. Ich versuche nur meinen Teil der Streitigkeiten einzuordnen. Und was bei mir zu meinen Reaktionen führte.


Die schlaue Frau sagt, ihre Gedanken vor der Reflexion waren ähnlich. Tut gut gesagt zu bekommen, dass unsere Einschätzungen sich ähneln. Unser neues Ziel ist also: mehr aktive Handlungsalternativen und Strategien für Bedürfniskontrolle und Gefühlsregulation erarbeiten und einüben.

Dafür hat sie mir bereits für diese Woche ein „Modus Wochenprotokoll“ ausgedruckt und mitgegeben. Dort muss ich täglich ankreuzen wie stark ein bestimmter Modi an dem Tag wann aktiv war, meine Beachtung von Bedürfnissen auf einer Skala von 1-10 (1= überhaupt nicht,…) bewerten und Problemverhaltensweisen inkl. aktiviertem Modus sowie positive Ereignisse festhalten.

Es fühlt sich gut an, mit so etwas anzufangen zu arbeiten. Ich mag das. Es fühlt sich an, als würde man aktiv etwas tun. Aktiv üben. Tut man auf der reinen Verhaltensebene zwar auch, aber das ist nicht so „ersichtlich“. Finde ich.


Wir reden noch kurz über das Wochenende und die Therapie- Hausaufgabe. Sie sagt, das Kind war bereits vor dem Umsetzen der „Quality time“ einsam und hat sich zurückgewiesen gefühlt. Weil der Aktivität eine kurze Diskussion am vorherigen Tag mit meinem Partner voraus ging, in dem der Modus bereits aktiviert wurde. Durch die Beerdigung am Morgen wurde dies noch verstärkt. Dann nutzte mein Partner meine Quality time indem er sagte, dass er ja dadurch nun seinem Hobby nachgehen könne. Er meinte das nur gut. Aber sie sagt, dass es verkehrt sei, mir zu sagen, dass er das jetzt machen kann, weil ICH entschieden habe meinem Bedürfnis nachzugehen (in diesem Fall nicht mal freiwillig). Vielmehr wäre es gesünder, wenn er mir den wahren Grund sagt. Nämlich, dass er seinem Hobby nachgeht, weil er dazu Lust hat und dies auch so kommuniziert. Und nicht meine Therapie – Aufgabe als Grund vorschiebt. Das hat mich nämlich noch mehr unter Druck gesetzt. Sie sagt er übernimmt zu oft die Rolle eines Co-Therapeuten. Und davon muss er sich abgrenzen.

Puh. Ja. Co-Therapeut. Das sagt er auch immer. „Ich bin nicht dein Therapeut“. Nein, ist er nicht. Aber wo sind die Grenzen zwischen “ ausreichend für mich da sein“ und „nicht in seine Verantwortung legen“?


Und ansonsten ist alles ok soweit. Es fühlt sich komisch an, den Nachmieter und Freund von uns hier zu empfangen um darüber zu sprechen, was an Möbeln bleibt und was geht. Komisch, meinen Platz an jemand anderen abzugeben. Komisch meinen eigentlich besten Freund und mein Zuhause hier zu verlassen.

Aber es ist auch gut. Es ist Teil des Fortschritts der Therapie. Vor einem Jahr hätte ich das niemals getan. Jetzt werde ich mit einer „Fremden“ zusammen ziehen. In eine „fremde“ Stadt. Ohne die vertraute Heimat. Ohne die örtliche Nähe zu meinen Eltern. Gleicher Job, neue Filiale. Neue Arbeitskollegen. Hoffentlich nett. Neuer Chef. Hoffentlich verständnisvoll bezüglich des Studiums. Neue Umgebung. Vieles neu.

Aber ja, ich freue mich drauf. Es fühlt sich ein wenig nach einem weiteren Stück Unabhängigkeit an.


Passt thematisch gerade irgendwie so gar nicht rein, aber ich erwische mich während ich hier schreibe dabei, dass es mir nicht passt, dass mein Partner gerade seinem Hobby nachgeht und mir nicht schreibt. Eigentlich habe ich das Modus-Protokoll schon ausgefüllt. Mich beschleicht das Gefühl, als würde mein Schreiben hier das einsame, ängstliche Kind aktivieren. Weshalb ich das Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit vom Außen verspüre. Und deswegen Dinge schreibe wie „Gerade keinen Kopf für mich?“ . Das Kind fühlt sich unwichtig und allein. Und ängstlich. Möchte, dass jemand da ist und sagt, dass alles gut wird. Oder ne. Vielleicht will es auch einfach hören, dass wir wichtig sind. Ich glaube das ist eher das Problem. Nun. Keine Ahnung, wieso ich es hier nun aufschreibe. Aber ich wollte es loswerden. Vielleicht hilft es.


Wo waren wir? Unabhängigkeit. Ja, danach fühlt es sich an. Angst steht gerade direkt neben Mut. Und es wird sicherlich eine aufregende Zeit mit dem Umzug und allem drum und dran. Ich werd‘ euch auf dem Laufenden halten.

Und nochmal: Danke an alle, die hier lesen.


Top 3 meiner positiven Ereignisse heute:

  1. Lecker Essen mit Freunden (vermutlich das letzte Sommer-Grillen)
  2. Haustier beobachtet und wie immer als süß empfunden 🙂
  3. Nach 4 Jahren Studium ausführlich gezeigt bekommen und gelernt, wie man automatische Inhaltsverzeichnisse in Word erstellt

Ja, ich weiß, Punkt 3 ist eigentlich ein Witz, weil es doch so einfach ist. Aber nachdem ich zu oft dran verzweifelt bin in der Vergangenheit- hatte ich es irgendwann aufgegeben und seitdem nicht mehr probiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.