Zwischen Euphorie und Trauer.

Ein paar Tage nichts geschrieben. Einiges passiert und doch irgendwie auch nicht. Nur sehr aufwühlend. Und für mich ein wahrer Kraftakt. Einfach, weil’s viel ist im Moment. Weil ich immernoch keine Sicherheit bezüglich einer Wohnung habe. Weil wir nun einen Paartherapeuten angefragt haben, und ich doch gar nicht weiß, ob das alles so richtig ist. Also eigentlich weiß ich es, aber ich weiß doch gar nicht, was man da sagen soll. Im Moment ist es ja alles ganz gut. Aber es ist ja auch mehr ein vorsichtiges Herantasten bei uns. Früher oder Später kämen wir ohne Hilfe wieder genau da an, wo wir in der Vergangenheit waren.

Es fällt mir gerade so schwer mich zu entscheiden. Bezüglich was? Bezüglich allem. Welches WG Zimmer, welcher Therapeut, wann zum ersten Mal dahin gehen, glücklich sein oder traurig, lieben oder Angst haben. Und dann ist da der Tod. Der so unberechenbar und gemein sein kann. Ein von mir geliebter Mensch ist letzte Woche einfach umgekippt, ein Aneurysma im Kopf. Geplatzt. Obwohl die Person direkt notoperiert werden konnte, hat sie es nicht überlebt. Zum Glück hatte sie ein langes und, wenn auch nicht immer einfaches, aber so lebensfrohes Leben. Selbst wenn sie es überlebt hätte, wäre ihr Leben nach ihren Maßstäben einfach nicht mehr lebenswert gewesen. Das wissen wir. Also war es eine Erlösung.

Aber wisst ihr? Sowas kommt einfach. Aus dem nichts. Ein paar Tage vorher noch gemeinsam gelacht. Das Aneurysma kündigt sich nicht an. Es ist da, wenn man Glück hat wird es zufällig während irgendeiner anderen Untersuchung entdeckt. Aber es gibt keine Symptome. Krebs ist gemein. Eine der gemeinsten Krankheiten, aber über sowas habe ich nie nachgedacht. Und auf einmal passiert es. Direkt vor deiner Tür. Und du stehst da – und musst das erstmal schlucken. Vorgestern sagten die Ärzte sie würde es nicht schaffen, gestern schlief sie friedlich in den Armen ihrer Tochter ein. Ein friedlicher Tod. Das beruhigt.

Ich musste hart arbeiten seit ich die Nachricht erhalten habe. Trauer zulassen, sie nicht verdrängen, aber nicht darin versinken. Das ist schwer. Dabei die Angst meinem Partner zu viel zu sein – ich soll/ muss es doch alleine schaffen. Hilfe annehmen, aber nicht zu viel verlangen. Er kann mir helfen, aber soll mich nicht tragen. Ich kann sowas doch gar nicht. Das überfordert mich.

So viel grau, was ich versuchen muss zu fühlen. Und immer wieder diese Tendenz in einem der Extremen zu verweilen. Tiefe Trauer fühlt sich scheiße an, aber ist mir bekannt. Euphorie fühlt sich falsch an, aber ist mir bekannt.

Nach 40 Minuten mit mir selbst strugglen habe ich vorgestern Abend dann doch entschieden meinen Partner weinend anzurufen. Schwieriges Gespräch irgendwie. Ich erwartete, dass er sich mit reinsetzt in die Trauer. Aber er blieb auf seinem stabilen Boden stehen und sprach ruhig, mitfühlend aber doch relativ pragmatisch zu mir. Es machte mich zuerst wütend. Ich wusste aber, dass die Wut unberechtigt ist. Versucht er doch nur, sich selbst auch zu schützen. Er sagte ich dürfe nicht darin versinken, ich müsse mich ablenken, Selbstfürsorge.

Aber ich kann’s doch nicht. Ich will im schwarz bleiben. Weil ich es da kenne. Und weil es mich doch so traurig macht.

Der Schlüsselmoment war dann wohl, als ich ihm mehr oder weniger wütend sagte, dass ich jetzt keinen Film gucken kann, weil ich es nicht darf. Weil ich traurig sein MUSS. Weil ich doch gerade erfahren habe, dass jemand, den ich sehr mag und den ich seit meiner Geburt kenne, sterben wird.

Er sagte mir: Du darfst einen Film gucken und über lustige Szenen lachen und gleichzeitig traurig sein. Das geht.

Das ist das grau. Und ich vertraute ihm. Weil ich mich an meine schlau Frau erinnerte, die das auch schonmal zu mir gesagt hat. „Sie können traurig sein und gleichzeitig positive Dinge erleben. Das dürfen Sie.“

Wir legten auf. Ich machte einen Film an und schlief ein. Da war das grau. Ich hab’s ausgehalten.

Gestern wurde es natürlich nicht leichter. Im Gegenteil. Mein Tag war gefüllt von tausend verschiedenen Emotionen. Aufgestanden, Vorfreude auf meinen Tattoo-Termin, gleichzeitig noch gelähmt von der Trauer am Abend. Mein Haustier zu einem meiner Herzensmenschen gebracht, mich gefreut zu sehen, dass sie sich darüber freut, aufpassen zu dürfen.

Dann der Tattoo-Termin. Entschieden einen kleinen Stern für den geliebten Menschen in das Tattoo zu integrieren, während des Stechens dann die Nachricht bekommen, dass der geliebte Mensch gerade eingeschlafen sei. Skurril. Aber erstmal kaum Gefühl dazu. Außer ein: Okay. Es war Bewältigung pur. Ich war auch voll drin im Tattoo-Modus. Adrenalin und alles, was sonst so ausgeschüttet wird, während man tätowiert wird. Als wir fertig waren: Purer Stolz auf das Tattoo. Es ist einfach so schön. Und der kleine Stern gibt ihm einen winzigen und gleichzeitig doch so großen individuellen Wert. Euphorie-ähnlicher Zustand. Als ich dann ein paar Minuten später im Auto saß, kam dann alles auf einmal. Ich weinte wie verrückt und war einfach so traurig. Von der Euphorie in die Trauer. Von dem weiß ins schwarz. Zu einer/m der Angehörigen gefahren, etwas Beistand geleistet und dann zu einem Geburtstag von meinem Babysitter-Kind eingeladen. Wieder von der Trauer in die Euphorie. Denn die Kraft dieser Lebensfreude, die Kinder ausstrahlen ist einfach enorm.

Anschließend zu meine Partner gefahren. Lange umarmt. Über unseren Tag ausgetauscht. Irgendwie versucht zur Ruhe zu kommen. Absolute Überforderung. Aber weinen konnte ich nicht. Ich war so angespannt. Dieser Tag – so voller Emotionen. So voller Wellen. Ich hab das Gefühl gehabt, es erstickt mich. Und ich kann einfach nichts tun. Habe mich tausend Mal dafür entschuldigt, dass ich so viel rede. Und sich gleichzeitig doch nichts verändert an meinen Gefühlen. Dazu fühlte ich mich einfach nur belastend. Anstrengend. Viel zu viele Selbstzweifel. Einfach alles an diesem Tag viel zu viel. Zusätzlich zu den ganzen anderen Unsicherheiten, die gerade eh schon so viel Kraft und Energie fordern.

Mich nach 2 Stunden am Handy hängen (Bewältigung!) aufgerafft eine Meditation zu machen. Mein Partner stolz auf mich. Ich auch. Danach ging es. Noch 20 Minuten Avatar (Serie, ja – die für Kinder) geguckt und dann früh schlafen gegangen.

Heute ist’s schon besser.

Ja. Es war viel. Aber ich hab’s gut gemacht. Jedes Mal ein Stückchen mehr ins grau. Schritt für Schritt.

2 Kommentare zu „Zwischen Euphorie und Trauer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.