Klein Lynn, der Kritiker und ich.

Und da ist es wieder, dieses leidige Thema der Verlustangst. Heute bei der schlauen Frau gewesen, über die Situationen gesprochen, in denen ich einfach nicht fliehen bzw. weggehen konnte. Einfach nicht weggehen, obwohl ich weiß, dass es besser wäre. Obwohl ich verstehe, dass gerade die Kleine aktiv ist, welche Angst hat alleine zu sein. Haben irgendwie versucht herauszufiltern, was genau zu welchem Zeitpunkt aktiv war. Immer wieder ein relativ großes Wirrwarr. Dann „Ah-Momente“. Dann wieder Wirrwarr.

Versuch’s mal irgendwie zusammenfassend zu formulieren. Zu Beginn des Streits wird das impulsive, wütende Kind aktiviert, welches sich wahrscheinlich aufgrund welcher Tatsache auch immer ungerecht behandelt fühlt. Und beschuldigt. Deswegen entsteht überhaupt erst eine Diskussion. Ich mache dem anderen Vorwürfe und bin voller Wut und ziemlich aufgebracht. Dann switche ich aber irgendwann in den Modus des ängstlichen, einsamen Kindes und auch der innere Kritiker kommt dazu. Er redet mir ein, dass ich nun ja wieder einmal zu anstrengend für mein Gegenüber sei. Das paart sich mit den Sorgen des ängstlichen Kindes in mir, was auf keinen Fall einsam sein möchte. Wie reagiere ich als erwachsene Lynn darauf? Naja. Um die Gedanken des Kritikers sowie die Angst vor der Einsamkeit zu bewältigen, habe ich mir bereits früh angeeignet Situationen solange nicht zu verlassen, bis diese sich (wie auch immer) zu meinen Gunsten beruhigen/legen. Die schlaue Frau sagt, sie erkenne dasselbe Verhalten in Situationen mit meiner Mutter in der Vergangenheit wieder. Das streiten bis zum umfallen. Das „sie bloß nicht aus der Situation gehen lassen“. Das Bedürfnis ihre abgesteckten Grenzen zu überschreiten. Immer und immer wieder. Es direkt danach bereuen. Gleich, nachdem ich wieder klar denken kann – also wenn der gesunde Erwachsene wieder aktiv ist. Aber dann war es ja immer zu spät. Mama sauer. Und erschöpft von dem ellenlangen Streit. Aber…..was ich jetzt weiß: Mama bleibt bei mir. Sie geht nicht weg. Sie ist eine sichere Bindung.

Wir analysieren das heute also gemeinsam. Das zuerst aktivierte wütende, impulsives Kind, welches sich angegriffen fühlt, wütet in mir, welches zu einer Diskussion mit dem Außen führt. Es wird dann schnell zu dem einsamen, ängstlichen Kind und auch der innere Kritiker wird aktiviert. Was dazu führt, dass ich mich bereits da anfange schuldig fühle aber auch gleichzeitig Angst habe die Situation zu verlassen. Denn sonst riskiere ich den anderen zu verlieren. Also springt der Bewältigungsmodus der erwachsenen Lynn an. Das, was wir seit Jahrzehnten immer gemacht haben, wenn wir Angst hatten zu anstrengend zu sein und deswegen jemanden zu verlieren: Wir bleiben solange dort bis uns jemand wieder das Gefühl gibt geliebt zu werden. Trotz der Parallele zur Mutter merke ich immernoch Unverständnis und Wut auf mich selbst.

Ich sage „Ja, aber wissen Sie was ich nicht verstehe? Und was mich so wütend gemacht hat nach der Situation/den Situationen mit xy (Partner) in dieser Woche?“

– Nein.

„Ich KANN es doch jetzt. Ich gehe doch jetzt in Streitsituationen mit meiner Mutter immer weg. Ich verlasse die Situationen mittlerweile nach verhältnismäßig kurzer Zeit, damit es nicht noch schlimmer wird. Rutsche nicht in die Spirale rein. Wieso kann ich das bei xy (Partner) nicht auch? Wieso nicht?“

Sie hat die Antwort. Natürlich hat sie sie. Die Erklärung dafür ist, dass ich mittlerweile verinnerlichen konnte, dass meine Mama sicher bei mir bleibt. Sie ist eine sichere Bindung für mich. Das weiß ich jetzt. Das innere Kind hat verstanden, dass wir keine Angst mehr haben müssen, sie zu verlieren. Also können wir die Situation verlassen, weil wir wissen, dass sie uns trotzdem noch liebt, wenn wir das nächste Mal wieder kommen. Bei xy ist das anders. Ganz anders. Wir haben keine Sicherheit. Noch nicht. Die schlaue Frau sagt, es wird bei uns eine ganze Weile so sein – dass die Unsicherheit da sein wird, den anderen zu verlieren, wenn wir streiten.


Weil’s in der vorangegangenen Beziehung zwischen uns so war. Die Streits haben unsere Liebe so klein gemacht. Und wir haben uns den Streits einfach so hingegeben. Und am Ende war es so, dass wir in jedem Streit die Beziehung beenden wollten, oder zumindest realisiert haben, dass es besser wäre dies zu tun. XY und ich teilen dieses Muster. Jeder für sich. Und leider auch wir beide gemeinsam. Und das macht das Ganze so viel schwerer, als es sowieso schon ist. Für mich.

Aber wir haben entschieden. Wir gehen den Weg noch einmal. Gemeinsam. Mit Unterstützung. Damit wir es diesmal besser machen. Damit unsere Liebe Luft und Raum hat. Zu atmen, da zu sein und sich gut anzufühlen. Der Weg wird nicht leicht, ich werde für immer jemand bleiben, der für Gefühle sensibel ist. Und XY hat ebenfalls seine Päckchen zu tragen, aber wenn man gemeinsam in dieselbe Richtung schaut, dann kann man es schaffen – oder?


Die Gewissheit, dass das Nicht-Weg-Gehen in Streitsituationen mit xy ein Bewältigungsmodus ist, der durch den Kritiker und das einsame Kind ausgelöst wird, soll mir beim nächsten Auftreten einer solchen Situation helfen, dies frühzeitiger zu erkennen und mich solange aus dem Kontakt mit der Person zu befreien, bis ich wieder den gesunden Erwachsenen fühlen kann. So sagt es die schlaue Frau.

Mehrmals erinnerte sie mich daran, dass man sowas üben muss. Und, dass es verdammt schwierig sei. Dass ich es mit meiner Mutter bereits geschafft habe. Und es auch wieder schaffen kann. Aber eben auch, dass ich es nun neu trainieren muss. Weil XY nunmal eine andere Person ist als Mama. Und mit Partnern war es ja sowieso bekanntlich schon immer schwieriger bei mir, als mit der Familie. Zumindest in den letzten Jahren.

Ich habe keine Ahnung ob es klappen wird. Ob die nächste Situation besser verlaufen wird oder nicht. Ich möchte es. Ich wünsche es mir. Aber Muster zu durchbrechen ist so unglaublich anstrengend. Und ich dachte einfach, wenn ich es bei Person A schon kann, kann ich es automatisch auch bei Person B. Aber das ist wohl leider nicht so.

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