Gastbeitrag: Skills.

Vor ein paar Tagen schrieb mich die liebe Maya Satis über Social Media an. Sie schreibt ein Buch über Borderline und sagte, dass ihr meine Beiträge gefallen. Wir kamen ins Gespräch und entschieden uns dazu, dass ich einen Beitrag von ihr auf meinem Blog für euch veröffentliche. Das Thema konnte ich selbst wählen. Heute hat sie mir einen Beitrag zum Thema Skills zum lesen gesendet und ich finde ihn gut.

Denn Hochanspannung und daraus leider häufig resultierende Selbstverletzung gehören zum Krankheitsbild von Borderline dazu. Bei mir ist das Thema Selbstverletzung Gott sei Dank schon seit längerer Zeit gut kontrolliert. Ich habe wenige Vorfälle. Auch waren meine Selbstverletzungen nie mit tiefliegenden Verletzungen, wie schneiden oder verbrennen verbunden. Ich hasste nie meinen Körper. Ich war immer nur vielmehr mit einer Situation überfordert.

Dennoch betrifft es viele Menschen, die an Borderline (oder auch anderen psychischen Krankheiten) leiden, fast ihr ganzes Leben lang. Oder zumindest einen großen Teil davon. Daher möchte ich euch den folgenden Beitrag von Maya zeigen, in dem sie über Möglichkeiten der Anspannungsreduktion schreibt und euch persönliche Beispiele für so genannte Skills nennt.

Danke dafür, Maya!


Ein Beitrag von Maya Satis:

Skills. Ein kurzes Wort mit enormer Bedeutung.

Was sind Skills und was bedeuten sie für mich?

Skills sind Dinge, die man tun kann, um destruktiven Verhaltensweisen wie beispielsweise Selbstverletzungen oder Essanfällen vorzubeugen, so zu sagen konstruktive Ersatzhandlungen. Dabei können sie auf völlig verschiedenen Ebenen stattfinden.

Anspannungszustände, die oftmals unmittelbar vor destruktiven Verhaltensweisen stehen, werden in der Borderlinetherapie (DBT – Dialektisch Behaviorale Therapie) auf einer Skala von 0-100 eingeteilt. Eine Anspannung von 0 erreicht man höchstens im Schlaf, wenn man nichts mitbekommt. 100 ist das absolute Maximum, wenn nichts mehr geht. Bei mir äußert sich eine Hochanspannung (ab ca. 70) beispielsweise mit Gedankenrasen, ich werde hibbelig und könnte „die Wände hochgehen“. Ich kann mich nicht konzentrieren und ab ca. 90 weiß ich meistens nicht mehr wohin mit mir und meinen Gefühlen. Alles rast, ich kann nicht klar denken, geschweige denn rational handeln. Hier kommen die Skills ins Spiel. Spätestens ab einer Anspannung von 70 versuche ich zu beginnen, dieser entgegenzuwirken, damit ich gar nicht erst in den Bereich komme, wo ich mein Handeln kaum noch steuern kann und ich komplett von dem Anspannungszustand vereinnahmt bin.

Ich werde ein paar Skills vorstellen, die bei mir am wirkungsvollsten sind. Dabei muss bedacht werden, dass jeder Mensch individuell ist, andere Kanäle offen hat, über die er noch erreicht werden kann. Es gibt hunderte verschiedener Skills, was einem hilft, muss man für sich selbst herausfinden. Es kann langwierig sein, aber irgendwann hatte ich zumindest meine „go-to-Skills“, auf die ich immer wieder zurückgreifen kann, ohne groß darüber nachzudenken. An diesen Punkt zu kommen war nicht leicht, aber sehr wirkungsvoll, da eben das rationale Denken in der Hochanspannung sehr eingeschränkt ist.

Bei hoher Anspannung sind insbesondere zwei Kanäle bei mir offen. Das ist zum einen alles körperbezogene, mir hilft es daher gut, mich auszupowern – Treppen laufen, bis ich erschöpft bin oder Situps bis die Muskeln brennen. Ebenfalls sind meine Sinne noch zu erreichen. Daher habe ich kleine Ammoniakstäbchen daheim, schön luftdicht verpackt, denn im nicht angespannten Zustand riechen sie echt streng! In der Hochanspannung hilft es mir sehr, ein paar tiefe Atemzüge davon zu nehmen, es riecht im Vergleich zu sonst sehr schwach, aber es kommt an, weckt mich sozusagen etwas auf. Lenkt meine Aufmerksamkeit darauf und lässt mich für einen Moment innehalten. Eine eiskalte Dusche oder ein Kühlpack im Nacken (immer eingewickelt, damit es nicht zu Erfrierungen kommt, denn das wäre wiederum eine Selbstverletzung), bringen meine Anspannung auch gut auf ein niedrigeres Level.

Ist meine Anspannung nun etwas gesunken, öffnen sich weitere Kanäle bei mir. Im mittleren Anspannungsbereich (etwa 50-70) hilft es mir gut, mein Gehirn „abzulenken“. Knobelaufgaben, Stricken, Nähen, Sudoku, alles wo ich meinen Kopf anstrengen muss und was mir gleichzeitig etwas Spaß macht, ist da genau das Richtige.

Wie du vielleicht schon gemerkt hast, reicht es in der Regel nicht aus, ein paar Mal die Treppe hoch und runter zu laufen, um die Hochanspannung in den Griff zu kriegen. In den aller meisten Fällen ist Skillen für mich harte Arbeit. Ich habe Skillsketten in festgelegter Reihenfolge (zum Beispiel: An Ammoniak riechen, eine kalte Dusche, raus aus der Situation und spazieren gehen und anschließend Nähen zur Ablenkung), die bei mir in Fleisch und Blut über gegangen sind. Alles in allem bin ich dann aber gerne auch mal zwei Stunden beschäftigt und hier liegt das Problem. Ein kurzer Schnitt und die Anspannung wäre weg. Die Alternative braucht zwei Stunden Zeit, die man in dem Moment vielleicht auch nicht unbedingt zur Verfügung hat und ob die Anspannung auch wirklich runter geht, ist nicht garantiert. Natürlich hängt bei einer Verletzung noch mehr dran, sie muss versorgt werden, bei mir in der Regel chirurgisch im Krankenhaus, man hat eine neue Narbe, ist enttäuscht von sich selbst. An all diese Dinge denkt man bloß in dem Moment der Hochanspannung nicht. Es kann helfen, sich kurz- und langfristige Folgen einer Selbstverletzung aufzuschreiben und sich damit vor Augen zu führen, was genau so ein vermeintlich schnell gemachter Schnitt oder eine schnelle Verbrennung etc. haben können. Doch ob man daran in der Hochanspannung denken kann, ist leider auch fraglich.

Dennoch hat es mich sensibilisiert und ich nehme öfter die Mühe zu Skillen auf mich, da es langfristig gesehen ohne Frage die sinnvollere und konstruktivere Lösung ist.

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