Partner als Überlebensstrategie.

Erstmal möchte ich danke sagen. Danke an alle, die meinen Blog verfolgen und meine Beiträge lesen. Es sind gar nicht so viele, aber ich freue mich über jeden einzelnen. Meine Selbstzweifel kommen hier auch manchmal durch. Denke es interessiert bestimmt eh niemanden, aber letztendlich mache ich es ja eigentlich eh für mich. Und vielleicht auch ein wenig, um Menschen zu erreichen, die sich dann nicht mehr so allein fühlen mit ihren Problemen.


Sich aus einem Schwebezustand zu befreien bedeutet ein „Nein“ zu riskieren. Und ein „Nein“ bedeutet für meinen Kopf: du wirst alleine sein. Denke ich zumindest. Ich schalte aus, dass ich Freunde habe – und eine Familie, die mir trotz unserer schwierigen Vergangenheit immer zur Seite steht. Deshalb habe ich in der Vergangenheit immer den Schwebezustand akzeptiert. Hauptsache nicht alleine sein. Doch jetzt habe ich gemerkt, dass es für mich nicht gut ist.

Gestern war ich dann bei meiner schlauen Frau. Zum letzten Mal für die nächsten drei Wochen. Sie hat Urlaub. Als mir klar wird, dass ich nächste Woche nicht zu ihr gehen kann, macht sich Panik breit.

Wie soll ich das alleine schaffen? Wie soll ich alleine überleben?

Ich komme bei der schlauen Frau an. Erkläre ihr, dass ich gar kein Gefühl habe, seit ich durch die Tür gekommen bin, ich vorher aber einfach nur traurig war. Unglaublich traurig. Und in dem Moment kommt die Traurigkeit zurück. Die gesamte Sitzung über arbeitet meine schlaue Frau ganz viel mit positiver Bestärkung. Sie zeigt mir auf, wie mutig mein Handeln ist. Sie erklärt mir, dass es sich nicht richtig anfühlen kann. Weil ich 24 Jahre meines Lebens damit verbracht habe, Schwebezustände auszuhalten statt sie als schädlich wahrzunehmen und mich daraus zu befreien. Sie bestärkt mich immer und immer wieder. Wir kommen irgendwann zu dem Punkt, wo klar wird: Ich habe das Gefühl nicht überleben zu können, wenn sich jemand gegen mich entscheidet. Ich weiß das. Ich will mir aber erklären können, wieso das so ist. Damit ich meinem Kopf, wenn das Gefühl aufkommt, erklären kann, wieso dies nur ein Schema-Gedanke und kein realistischer Gedanke ist.

Das ist der Wendepunkt in der Sitzung.

Die schlaue Frau erinnert mich daran, dass ich ungefähr 14 Jahre alt war, als bei uns zuhause alles auseinander fiel. Sie erinnert mich daran, dass ich einen Verlust erlitten habe, als ich meine Eltern gefühlsmäßig „verloren“ habe. Zumindest ihre Aufmerksamkeit. Und dann erklärt sie mir, dass ich damals eine Überlebensstrategie brauchte. Und diese Überlebensstrategie war dann der Partner. Ein Partner, in dem ich Sicherheit und Aufmerksamkeit suchte. Von dem mir aber leider wenig Liebe, sondern vielmehr Wertlosigkeit vermittelt wurde. Ungünstig. Dennoch hatte ich ihn als Überlebensstrategie ausgewählt. Um dem Streit und Hass sowie der fehlenden Aufmerksamkeit zuhause zu entfliehen. Und das gleiche tat ich bei dem Partner danach auch, und bei dem danach auch, und so weiter.

Und genau das passiert heute auch noch, wenn sich mein Partner von mir trennt/ trennen will. Es fühlt sich an, als würde ich meine Überlebensstrategie verlieren. Deswegen reichen mir auch Familie und Freunde als Halt nicht aus. Weil ich über 10 Jahre immer wieder so gehandelt habe, als wäre mein Partner mein einziger Halt, der mich am Leben hält. Und dieses Schema ist mein mit am tief liegendstes Schema. Deswegen klammere ich in Beziehungen, egal um welchen Preis. Und deswegen brauche ich immer jemanden in meinem Umfeld, der sich zumindest für mich interessiert. Weil ich so weiß, dass im Notfall jemand da sein wird, dessen Aufmerksamkeit und „Liebe“ mich am Leben hält. Klingt so stumpf und irgendwie auch übertrieben, aber genau so fühlt es sich an. Genau deswegen habe ich Angst vor jeder Zurückweisung, die ich erhalte oder erhalten könnte. Und genau deswegen fällt es mir schwer, mich aus einem Schwebezustand oder einer destruktiven Beziehung zu befreien. Denn ich nehme lieber halbherzige Liebe und zerstörerisches Verhalten in Kauf, als zu riskieren, alleine zu sein und nicht zu wissen, wie ich überleben soll.

Meine Partner sind seit meiner Jugend meine Lebensstrategie.

Ich arbeite daran, mir selbst eine Strategie zu sein. Mir selbst Grund genug zu sein, mich nicht alleine fühlen zu müssen. Aber die schlaue Frau sagte mir, dass das nicht von jetzt auf gleich geht. Es ist eben immernoch wie schwimmen lernen. Und alleine leben und mir selbst genug wert sein ist das meilenweite, stürmische Meer, auf dem ich einfach immer und immer wieder das schwimmen üben muss.

Was ich nach der Sitzung sehe: ich traue mich ins Meer hinein. Meine Angst zu „sterben“ wenn ich das Alleine-Sein riskiere wird kleiner. Ich befreie mich aus dem Schwebezustand, obwohl ich riskiere danach meine sonst ausgewählte Strategie Partner nicht mehr an der Hand zu haben. Das zeigt, dass ich langsam und in ganz kleinen Schritten verinnerliche, dass ich auch ohne Partner überleben kann. Ich weiß…auch wenn ich es heute sehen kann, heißt dies nicht, dass ich das zum Beispiel auch am Freitag sehen kann. Aber zumindest kann ich es für heute hier aufschreiben. Und verinnerlichen, dass es eigentlich nicht realistisch ist. Und zumindest ein bisschen stolz sein.

Und das reicht. Denn: ich bin genug.


Und achja: Kennt ihr diese lustigen Kuscheltiere, die es auf Weihnachtsmärkten gibt und die Namen haben wie „Die beleidigte Leberwurst“ oder „Die arme Sau“ ? Die schlaue Frau hat mir eins davon für die nächsten 3 Wochen mit gegeben. Mag kitschig klingen, aber ich denke es wird mir helfen, mich daran zu erinnern, dass ich diesen Weg nicht alleine gehe und auch, wenn sie im Urlaub ist, ich trotzdem irgendwie klar kommen kann. Ich habe mich für Ecki, das kleine Chamäleon entschieden. Ich nenne es allerdings: Herr Chamäleon. Kreativ oder?

Herr Chamäleon

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