Hohe Erwartungen.

Meine Erkenntnis der heutigen Sitzung: hohe Erwartungen entstehen aus einem Mangel an etwas. Meist in der Kindheit. Wie bei fast allen Schemata ( so nach unserem Therapieansatz).

Weitere Erkenntnis: Im Moment wird einiges klar. Es schwimmt viel neues, altes an der Oberfläche. Aber der Umgang damit ist noch gar nicht gefestigt. Nicht verinnerlicht. Das braucht Zeit. Und Geduld.

Cool. Geduld habe ich nicht. Aber es motiviert mich zu sehen, dass ich genau so ein Gefühl wie gerade (das nicht vernünftig zu Ende reflektieren können) bezüglich eines anderen Themas schonmal hatte. Und da hat’s auch etwas gedauert, bis ich bewusster Zugang zu und Einfluss auf die neuen Erkenntnisse nehmen konnte.

Die hohen Erwartungen an meinen Partner. Ich denke ich reiche nicht. Aber gleichzeitig denke ich auch, das was der andere gibt reicht mir nicht. Es ist mir nie genug Nähe oder Aufmerksamkeit. Ich weiß durch die letzten Sitzungen woran es liegt. An dem meinem mir als Kind heiligen Sicherheitsanker der Familie.

Ihr erinnert euch? Die schlaue Frau wollte anfangen über ihn zu reden. Es wurde immer mehr deutlich, dass ich dieses kindliche Idealbild von ihm als unfehlbare Person langsam aufgeben muss. Will ich aber irgendwie nicht. Meine einzige Sicherheit. Vermeintlich.

Gestern war ich zu Besuch bei meinem Sicherheitsanker. Musste 1-2 Dinge dort erledigen. Person war zunächst nicht Zuhause. Kam dann irgendwann. Habe versucht eine Kommunikation aufzubauen – habe erzählt, dass ich mir am Vortag durch einen Sportunfall weh getan habe. Keine Reaktion. Nur ein leichtes „Achja – warst ja Sport machen“. Und der Blick aufs Handy. Absolute Distanz vom Gegenüber. Hat mich getroffen. Wusste nur gar nicht damit umzugehen. Habe die Beziehung zwischen uns nie in Frage gestellt. Alles, was die Person gemacht hat, war in meinen Augen immer unfehlbar und richtig. Jetzt auf einmal gibt’s Konfliktsituationen. Weil mir auffällt, dass die Person sich doch nicht so verhält, wie ich es eigentlich für uns wünsche. Ich entziehe mich der Situation von Gestern und fahre heim.

Danach geht’s bergab. Mein Kopf zieht mich runter. Kriege nichts für die Uni gebacken. Alles, was mein Gegenüber tut ist nicht genug. Es reicht nicht. Ich fühle mich zurückgewiesen. Er gibt zu wenig. Ich will mehr. Es reicht nicht. Abends liege ich im Bett. Flashbacks. Mein Kopf leitet mich wieder in Richtung meines letzten Ex- Partners.

Bei ihm hatte ich alles, was ich brauche. Er hätte mir die Welt gegeben. Hätte einfach alles für mich gemacht. Nur er versteht mich. Niemand sonst. Nur er kann mir geben, was ich brauche.

Ja, am Anfang. Realistisch gesehen: am Ende der Beziehung absolut nicht mehr. Im Gegenteil. Ich hörte vielmehr, dass ich kein Stückchen Mitgefühl mehr verdient habe. Das sehe ich heute so. Gestern habe ich Schwierigkeiten damit gehabt, die Situation realistisch zu bewerten. Ich bin dann so durch Social Media gewandert und irgendwann habe ich sein Profil geöffnet. Vier Jahre hat er sein Bild nicht geändert, aber vor ein paar Tagen. Was sehe ich: einen Mann, der leer aussieht. Traurig. Leer. Kaputt. Irgendwie. Denkt man vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber ich kenne ihn. Das Bild hat mich (surprise) noch tiefer in mein schwarz weiß Denken gezogen.

Ich habe geweint. Ich hatte Angst. Angst, dass ich jetzt wieder da bin, wo ich vor 4 Wochen war. Bin irgendwann müde eingeschlafen. Heute morgen dann absolute Leere.

Ein Zeichen dafür, wie intensiv das Gefühl gewesen sein muss. Leere habe ich nur, wenn die Anspannungen zuvor sehr hoch war.

Auf dem Weg zur schlauen Frau habe ich angefangen zu überlegen, wie meine Stimmung gestern so umschlagen konnte. Und mir wird langsam und eher vorsichtig denkend bewusst, dass wahrscheinlich die Situation mit meinem Sicherheitsanker, die Zurückweisung von ihm am Nachmittag, mich gestern so getroffen und getriggert hat.

Und sie den Mangel an Aufmerksamkeit der kleinen Lynn reaktiviert hat.

Wir reden in der Sitzung darüber. Wir überlegen, warum mein Sicherheitsanker sich so distanziert verhält. Die schlaue Frau macht mir bewusster, dass ich es persönlich nehme, wenn der Sicherheitsanker so reagiert. Und, dass das zu der Zurückweisung fühlt. Durch mögliche (rein spekulative) Gründe für das Verhalten der Person wird mir klarer, dass dem so ist, ja. Aber ich will es nicht wahrhaben. Will nicht sehen oder von ihr hören, dass die Person etwas falsch macht. Mein Idealbild von der Person ist einfach zu stark in mir manifestiert. Konflikte hatten wir nämlich eigentlich selten. Ich weiß gar nicht, wie man diese mit ihm löst. Und bin daher einfach nur verunsichert.

Am Ende der Sitzung haben wir genau die Parallele, die ich vorher versucht habe selbst zu ziehen, bestätigt. Die Situation bei/mit meinem Sicherheitsanker war letzlich der Auslöser für die wieder aufkommenden, hohen Erwartungen an mein Gegenüber. Und der Auslöser für den darauffolgenden Bewältigungsmodus „Ex-Freund“.

Die große Lynn war zu dem Zeitpunkt nicht für die kleine da. Was die Erwartungen ans Gegenüber noch mehr gesteigert hat.

Fazit: ich brauche Geduld. Und muss mir die Zeit für jeden einzelnen Aspekt der Therapie einräumen. Meine hohen Erwartungen entstehen durch den Mangel an Aufmerksamkeit in meiner Kindheit. Ich kann das jetzt sehen. Ich kann es aber noch nicht verstehen und akzeptieren. Das wird kommen. So wie es auch bei den vorherigen, negativen Aspekten kam.

Also:

Es ist okay, dass ich jetzt noch Schwierigkeiten habe.

Es ist okay, dass ich noch nicht alles so gut kann.

Es ist okay, dass ich bin wie ich bin.

Ich bin dankbar für meine Fortschritte.

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