Verlustängste – Das alte Ich (Part I)

„Verlustängste und verzweifelte Versuche ihnen entgegen zu wirken“ – Eine nach DSM VI definierte mögliche Eigenschaft von Borderline (siehe auch Beitrag Was ist Borderline? )

Wie machen sich meine Verlustängste bemerkbar. Man muss hier unterscheiden. Zwischen früher. Und heute. Meine Verlustangst hat sich verändert. Besser ist sie nicht geworden, eher anders.

Fangen wir mit früher an:

Ich war ca. 16 Jahre alt, als mich mein erster Freund verließ. Es war eine 1,5 jährige Beziehung. Er war viel älter als ich. Aber irgendwie liebten wir uns. Er verließ mich. Ich weiß im Nachhinein, dass ich danach einfach nicht alleine sein konnte. Ich schmiss mich in die nächste Beziehung. In der Streit nicht lange auf sich warten ließ – natürlich nicht. Ich hatte mir ja gar keine Zeit genommen den anderen kennen zu lernen. Egal. Ich „liebte“ ihn. Irgendwie. Auf meine Art. Trotz aller Wut. Allem schreien. Dem ganzen Hass. Den ganzen Streitigkeiten. Denn der Sex. Der war gut. Immer. Und der hat mir doch jedes Mal wieder gezeigt “ Wir sind physisch so nah beieinander. Das muss Liebe sein.“ Denke ich heute nicht mehr. Der Sex war nur ein verzweifeltes, letztes Greifen nach irgendetwas vermeintlich positiv nahem.

Nun gut. Die Beziehung ging ca. 2 Jahre. Es war schlimm. Wann immer mein Partner mich verließ, dachte ich die Welt geht unter. Wir stritten und stritten sobald wir uns nicht sahen. Waren wir beieinander, versuchten wir es irgendwie positiv zu gestalten. Klappte meistens nicht. Nur mit Sex. Aber auf ewig geht das ja auch nicht gut. Die Streits hielten vor allem bei Entfernung stundenlang an. Wirklich Stunden. Stunden voller Wut, Hass, Tränen, Verzweiflung und irgendwann auch Selbsthass. Über Tage. Monate. 24/7. Ich wohnte Zuhause. Meine Eltern verzweifelt. Sie hören mich weinen, schreien. Ich lehne sie ab. Weise sie zurück. Immer wieder Sätze wie Du bist doch krank. Von meinem damaligen Partner. Irgendwann von meiner Mama: Lynn, ich glaube du brauchst Hilfe.

Ich suche mir Hilfe. Ich bekomme welche. Ich gehe zur Therapie. Ich schaffe es nach ca. 1 Jahr mich von dem Partner zu lösen. Nicht ohne Back Up plan. Ich habe bereits wen neues. Natürlich liebe ich ihn sofort. Er wird so viel besser sein. Nope. War er nicht. Zu unterschiedliche Kulturen und Ansichten. Ich werde untergebuttert. Ich lasse mich mich unterwerfen. Ich merke es kaum. Alle sagen immer ich sei so stark. Bei ihm nicht. Streits. Endlosschleife wie beim Mann vorher auch. Diesmal zusätzlich auch noch mit physischer Gewalt. Ich hasse diesen Part. Ich hasse es darauf zurück zu blicken. Aber er gehört dazu. Ich löse mich nicht von diesem Menschen. Er ist doch (ebenso wie der Mann vorher) „meine Liebe des Lebens“ – ne. Merke ich nur nicht. Aber der Sex. Der ist super. Wie vorher auch. Der rettet uns und unsere Liebe. Was sich bei ihm etwas verändert ist…ich lasse auch mit mir schlafen obwohl ich eigentlich zutiefst verletzt und traurig bin. Ich will es. Aber eigentlich auch nicht. Eigentlich bin ich eher total leer. Nach einem Jahr habe ich wieder bei meinem alten Therapeuten angerufen. Ich beginne eine zweite Therapie. Ich schaffe es irgendwann mich zu lösen. Ich gehe unmittelbar danach wieder etwas neues ein. Nach ein paar kurzen Geschichten zwischendurch irgendwann wieder was festes. Ein Kreislauf der Hölle. Für mich. Ich bin schwach. Ich schaffe es nicht alleine zu sein.

In meiner Geschichte wird bis dato immer wieder klar: ich habe unglaublich starke Verlustängste. Ich bleibe lieber bei meinen persönlichen Zerstörern, als alleine zu sein. Damals verstehe ich nicht wieso das so ist. Ich weiß nur, dass ich es hasse. Denn wenn ich mich von einem gelöst habe…folgte direkt der nächste. Sex als ein Muss : ganz wichtig.

Hauptsache ich bin nicht alleine. Ich sponn Intrigen und Lügen in den ganzen Übergangsphasen. Kreirte ein Chaos. Ein Chaos für mich. Für mein Gegenüber. Für alle. Und das obwohl ich es hasste und immernoch hasse untreu gewesen zu sein. Nie wirklich so ganz, denn ich war nie noch mit den Personen zusammen wenn ich mit wem anders schlief. Aber es war oft so wenig Zeit dazwischen… und warum? Sie alle gaben mir was.. etwas, was ich von jedem von ihnen gerne annahm : Beachtung und Bestätigung. Sie bestätigten zwar nur noch mehr meine äußeren Werte, aber das genügte.

Heute weiß ich, dass ich so viel mehr bin. Heute weiß ich, was damals passiert ist, wird mir nie wieder passieren. Ich weiß, dass ich mich bei mir selbst entschuldigen muss. Dafür, dass ich meinem Ich solange keinen Raum gegeben habe. Dafür, dass ich mich ersticken lassen habe, mich wirklich gehasst und ja, ich weiß wie tiefsinnig dieses Wort ist, habe. Dass ich wirklich glaubte ( und es heute oft immernoch tue) ich sei nicht genug. Und dafür, dass ich dachte, dass ich alleine nicht leben kann. Denn jede dieser Beziehungen hat meine Verlustangst gefüttert. Nicht produziert, aber gefüttert. Die Ursprünge liegen viel weiter vorne. Aber jedes Mal, wenn die Partner mich physisch verließen gab’s Streit. Und die lösten ganz viele unbewusste Ängste bei mir aus. Und dennoch liebte ich jeden einzelnen von Ihnen: auf meine ganz besondere Art und Weise.

Was das heute mit mir macht? Darüber möchte ich gerne morgen schreiben. Denn ich habe immer noch eine riesen große Schwäche bezüglich Verlusten. Aber diese Schwäche hat sich verlagert. Und ist anders geworden. Denn wie bereits gesagt: da wo ich war – will ich nie wieder hin.

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