Die Kraft von Imaginationsübungen.

Imaginationsübungen. Die sind Teil meiner Therapie. Die Übungen geben mir die Möglichkeit Kontakt zu meinem inneren Kind aufzunehmen. Ich finde die Übungen sehr wirksam. Ich habe es bisher nur einmal alleine geschafft mich in so eine Übung zu begeben. Ansonsten unter Anleitung meiner Therapeutin.

Wie läuft das ab? Und wozu ist das sinnvoll? Ich glaube es ist schwer zu erklären. Aber ich möchte es versuchen. Um euch zu zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, das innere Kind zu „sehen“ und nachzuempfinden, was man als Kind gefühlt hat.

Eine Imaginationsübung diente bei mir bisher dazu herauszufinden, was mir als Kind in einer bestimmten Situation gefehlt hat. Und mir dies in der Imaginationsübung dann zu geben. Sodass das negative Gefühl „geheilt“ werden kann. Gestern haben wir so eine Übung gemacht. Und unbewusst habe ich in der Übung Fortschritte gezeigt.


Es ging gestern ursprünglich wieder um meine Angst vor dem Verlassen-Werden. Fokus sollte wieder auf dem Familienmitglied liegen, welches bisher wenig Anteil in meinen Sitzungen hatte. Um eine Imaginationsübung zu starten muss man sich zunächst versuchen in das Gefühl hineinfühlen. Meine schlaue Frau hat mich dazu etwas angeleitet. Sollte einen Punkt fixieren oder die Augen schließen. Dann sollte ich versuchen das Gefühl von Einsamkeit und meiner Angst davor zu empfinden. Mich darauf zu konzentrieren. Und es kam auch. War ja nur versteckt durch meinen distanzierten Beschützermodus in den Tagen vor der Sitzung. Dann soll ich warten. Warten bis Bilder / Situationen/ Personen aus der Kindheit vor meinem inneren Auge auftauchen.

Bei mir treten zwei Situationen parallel auf. Eine schöne, in der besagtes Familienmitglied mich in Sicherheit wiegt. Mir körperliche Nähe gibt. Ich mich sicher fühle. Ich bin circa 5 Jahre alt. Gleichzeitig bin ich aber auch verängstigt, denn mein Kopf switcht immer wieder in die zweite Situation. Eine Streit-Situation. Ich bin circa 9-10 Jahre alt. Vor meine Zimmertür streiten sich meine Eltern mit einem anderen Familienmitglied. Ich liege im Bett. Ich habe Angst. Ich fühle mich hilflos. Ich will, dass es ruhig wird. Denn es ist nur laut. Alles so laut. Alle schreien. Und ich will helfen. Aber kann nicht. Ich fühle mich dafür verantwortlich die Situation aufzulösen. Ich kriege es aber nicht beendet. Bin viel zu klein dafür.

Meine schlaue Frau fragt mich immer wieder während der Imagination was ich fühle und wo ich es im Körper fühle. Ich sage es fühlt sich an als würde ich ersticken. Und ich weine. Dieses Empfinden habe ich auch tatsächlich. Nicht nur vor meinem inneren Auge, sondern auch genau in dem Moment, wie ich da in der Praxis sitze. Wir sind jetzt drin im Gefühl. Und ich erinnere mich, dass exakt dieselbe Situation schonmal vor 2 Monaten in einer Imaginationsübung vor meinem Augen auftauchte. Ich fühlte mich auch da Hilflosigkeit. Und hatte Angst. Wollte nur Ruhe.

Meine schlaue Frau fragt mich, was die kleine Lynn in der Imagination jetzt gerade braucht. Ich sage Ruhe. Sie fragt ob es in Ordnung ist wenn sie als Therapeutin mit mir als große Lynn in die Imagination eintritt . In das Kinderzimmer. Die kleine Lynn stimmt zu. Die schlaue Frau und ich kommen rein. Die schlaue Frau fragt wo wir uns hinsetzen/ stellen dürfen. Die kleine Lynn zögert. Wir dürfen uns auf die Bettkante setzen. Die schlaue Frau fragt wie es sich jetzt für die kleine Lynn anfühlt. Und ich habe schon vorher gemerkt dass just in dem Moment als sie und die große Lynn das Zimmer betreten haben die Angst der kleinen Lynn geringer wurde. Es ist ruhiger. Zumindest fühle ich mich nicht mehr ganz so ängstlich. Die schlaue Frau fragt nochmal was ich als kleine Lynn jetzt brauche. Ich weiß es nicht. Sie fragt wo ich (in der Praxis sitzend) die eingekehrte Ruhe nach dem Raum-betreten im Körper spüre. Im Bauch. Ich soll meine Hand auf den Bauch legen .

Dann spüre ich, dass sich die kleine Lynn vor meinem inneren Auge das auch wünscht. Dass die große Lynn ihre Hand auf den Bauch der kleinen legt. Umarmt werden möchte sie nicht. Hand auf dem Bauch ist okay. Ich als große Lynn realisiere kurz, dass ich in meinen Beziehungen immer die Hand meines Partners brauche zum einschlafen. Da gibt’s also eine Parallele. Dann konzentriere ich mich wieder auf die Imagination. Die Angst alleine zu sein schwindet als ich der kleinen Lynn meine Hand auf den Bauch lege. Die schlaue Frau fragt ob sie mit der kleinen Lynn reden darf. Sie sagt ihr, dass sie nicht für die Situation vor der Tür verantwortlich ist. Und, dass es nicht ihre Aufgabe ist den Streit zu beenden.

Dann geht die schlaue Frau einen Schritt weiter. Sie fragt ob sie mal vor die Tür gehen soll und mit den Eltern und dem Familienmitglied sprechen darf. Die kleine Lynn zuckt mit den Schultern. Ist OK. Sie geht also in der Imagination raus. Sie ruft “ Stop. Hören Sie sofort auf.“ Sie unterbricht die anderen im Streit. Alle gucken sie überrascht an. Die kleine Lynn hört auch zu. Es wird ruhig im Kopf. Und auch um sie herum.

Die schlaue Frau fragt mich wie besagtes Familienmitglied reagiert. Ich versuche es in der Imagination zu sehen und sage, dass die Person nichts sagt. Und weggehen will. Wie immer wenn’s Konflikte gibt. Sie mischt sich dann einfach nicht ein. Sie war vorher nur beteiligt, weil es so heftig wurde, dass sie meine Mama schützen wollte. Die schlaue Frau spricht nach Absprache mit der kleinen Lynn in der Imagination mit der Person. Sie sagt ihr, dass sie ebenfalls Verantwortung für die Familie trägt und nicht immer weggehen kann. Dass es die Möglichkeit gibt Kollegen der schlauen Frau zu schicken, die uns als Familie helfen. Die Person reagiert nicht, bleibt stumm. Kaum Reaktion. Sie lehnt es nicht ab, aber stimmt auch nicht zu. Ist unsicher.

Ich, in der Praxis sitzend, sage der schlauen Frau, dass ich das Gefühl habe, die Gefühle der besagten Person komplett zu übernehmen und dass ich langsam die Verbindung zur kleinen Lynn verliere. Dass das Gefühl von Angst und Hilflosigkeit nachlässt und ich die Imaginationsübung beenden möchte. Wir machen das.


Ich sortiere mich kurz. Wir reden über die Übung. Die schlaue Frau fragt ob mir was im Vergleich zur letzten Imaginationsübung mit gleicher Situation aufgefallen sei. Ich verneine. Sie macht mich darauf aufmerksam, dass die große Lynn beim letzten Mal keine Möglichkeit hatte der kleinen Lynn Hilfe zu leisten. Sie durfte zwar dabei sein, aber eigentlich hat die schlaue Frau die kleine Lynn in der Imagination getröstet. Sie hat ihr ihre Hand gegeben. Ist um die Situation zu beenden mit ihr auf den Spielplatz gegangen. Hat das Haus und die Streitsituation verlassen. Die große Lynn stand nur dabei.

Doch dieses Mal habe ich, die große Lynn, es geschafft mir selbst den notwendigen Trost zu spenden. Ich habe es geschafft mir selbst zu helfen. Indem ich eine Verbindung zu meinem inneren Kind aufbaue. Es fängt an mir zu vetrauen. ICH fange MIR an zu vertrauen.

Es fühlt sich so gut an.


Weitere Erkenntnisse:
Der kleinen Lynn hat in der Situation als Kind jemand gefehlt, der die Situation unterbricht. Jemand oder etwas, das ihr hilft Ruhe zu bekommen und ihr das Verantwortungs-Gefühl für die anderen nimmt.

Die kleine Lynn hatte Angst. Wollte nur, dass alle sich wieder verstehen – so wie es die ganzen Jahre zuvor war. Versteht nicht, wieso es auf einmal so laut ist um sie herum. Möchte nur Ruhe.

Die kleine Lynn ist wütend auf das Familienmitglied, das immer weggeht, wenn’s schwierig wird. Sie brauchte jemanden, der der Person sagt, dass es nicht okay ist.


Was bedeutet das für mich im Hier und Jetzt? Ich bzw. wir erkennen Parallelen. Ich schaffe es auch heute in Beziehungen nicht von alleine einen Streit oder eine kritische Situation von allein zu unterbrechen. Bin da genauso hilflos wie damals.

Ich habe auch heute Angst davor, dass alles was „heile“ ist früher oder später zusammenbricht. Verlassensängste.

Und ich habe bisher nie was auf dieses Familienmitglied kommen lassen. Tue ich auch heute nicht. Hätte nur nie gedacht, dass es mir eigentlich gar nicht zusagt, dass sie sich immer raus hält. Aber das tut es. Denn die Person war immer für mein Sicherheitsgefühl verantwortlich. Und irgendwann hat das aufgehört. Und auch sie hat meine Unsicherheiten nicht wahrnehmen können. So wie meine Mama. Weil es einfach andere Dinge gab, die ihre Energie eingefordert haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.