Therapiefortschritte. Und die Kraft des inneren Kindes.

Die Tage danach. Am Samstag morgen kam die Nachricht. Heute ist Mittwoch. Kommt mir mal wieder so vor als wären es 3 Wochen gewesen. So fühlt es sich immer an, wenn ich Gefühle intensiv empfunden habe. Danach passiert so viel an einem Tag in meinem Kopf, dass ich denke es sind schon Wochen vergangen. Aber es sind erst 4 Tage. Dazwischen lagen ein richtig beschissener Tag, ein Tag mit guter Distanz zum Thema, ein super gereizter Tag und ein Besuch bei meiner schlauen Frau. Der Tag mit der Distanz war ein besonderer. Ich wurde von Freunden besucht und war zwischenzeitlich noch bei meinen Eltern zum durchschnaufen. Es war ein wirklich guter Tag. Ich habe gemerkt, dass ich in einem gestressten Moment die Möglichkeit hatte meine eigenen Gedanken wahrzunehmen und sie versuche umzulenken. So krass ist mir das noch nie aufgefallen vorher. Zeigt mir meine Fortschritte der Therapie und mein verändertes Mindset. Komme in solchen Momenten immer mehr weg von der Einstellung „Ich bin meine Gedanken“, „Ich bin meine Krankheit“. Und solche Momente sind wichtig. Sie geben mir Mut.

Trotzdem weiß ich, dass ich noch nicht am Ende bin. Ich weiß immernoch nicht wirklich woher meine Angst vor dem Alleine-Sein kommt. Ich habe immernoch dieses starke Bedürfnis zu klammern. An Vergangenes, Neues, Gefühle, Nähe.

Als ich gestern bei meiner schlauen Frau war hat sich auf einmal was getan. Wir haben in der Therapie bereits viel über meine engsten Familienmitglieder gesprochen. Immer wieder und sehr sehr viel. Haben Situationen aufgearbeitet und Gefühle versucht zu verstehen. Gestern habe ich zunächst von der Situation am Samstag berichtet, habe diese ganze Enttäuschung und Trauer endlich zulassen können und war sehr stolz darauf. Dann habe ich unter Tränen erzählt, dass da dieser besondere, schöne Tag war. Und habe gesagt, dass mich das verunsichert. Denn das ist, so haben wir dann festgestellt, dieses „grau“ . Ich war eigentlich traurig (wegen Samstag) und gleichzeitig habe ich mich glücklich gefühlt. Das ist gesund. Ein Mensch kann traurig sein und gleichzeitig auch Momente des Glücks empfinden. So sollte es sein. Aber mich hat das verunsichert – es fühlt sich falsch an. Ich wollte zwar nicht traurig sein, überhaupt nicht. War ich auch in den Momenten nicht. Aber für mich war es zurückblickend einfach komisch dieses Glück nach so einer heftigen Trauer empfunden zu haben.

Die schlaue Frau sagt, dass das ein wichtiger Schritt ist. Ich habe grau empfunden. Ohne mich ins schwarz oder weiß stürzen zu wollen. Das erste Mal. Ich denke das ist gut.

Nein, ich weiß : das ist gut.

Jedenfalls wollen wir nach wie vor dieses Muster „Nicht-alleine-sein-können“ und an der Vergangenheit klammern auflösen. Die schlaue Frau brachte dann in Anlehnung an die vorletzte Sitzung und dieses extreme Bedürfnis nach etwas, was Familie und Freunde mir nicht geben können, ein weiteres Familienmitglied in das Gespräch. Sie sagte wir haben bisher wenig darüber gesprochen. Sie möchte mehr über die Verbindung herausfinden. Ich sage, dass diese Person mein Anker ist. Für mich schon immer war. Mein Sorglos-Paket. Die Person, die mir schon als Kleinkind ganz viel körperliche Nähe entgegen gebracht hat. Nicht immer, aber regelmäßig. Gut. So weit waren wir schon 2-3 mal. Das wusste sie bereits.

Sie möchte wissen wie es heute ist. Ich kann nur feststellen, dass ich diesen Gedanken des Sorglos-Pakets immernoch empfinde. Sie fragt, wie es heute ist. Noch einmal. Fragt ob diese besondere Zuneigung und diese Nähe heute noch gegeben sind. Ich denke nach. Ja. Irgendwie schon. Aber nein. Eigentlich auch gleichzeitig schon lange nicht mehr. Es gibt eine Verbindung zwischen uns. Eine besondere. Das weiß ich. Aber eigentlich gibt es auch sehr viel Dstanz zwischen uns. Wir reden nicht viel über intime oder wichtige Dinge. Für meine Therapie und die Krankheit fehlt das Verständnis, was aber nicht schlimm ist, denn „es ist halt einfach so“. Also reden wir da nicht drüber. Wir reden ja sonst über vieles anderes. Aber eben nicht über persönliche Dinge. Sie fragt wann es aufgehört hat. Ich überlege. Ich zähle Situationen aus der Kindheit auf, die toll waren. Und in dem Moment macht es auf einmal klick. Ich kriege Tränen in den Augen als ich davon erzähle. Es sind Dinge, die mir heilig sind. Unbeschwerte Situationen, die mir immer Sicherheit gegeben haben. Ich werde traurig dabei. Das ist völlig fremd für mich. Sie schaut mich an, sie fragt was ich empfinde. Ich sage ich bin traurig. Denn es fühlt sich so an, als hätte das einfach irgendwann aufgehört. Und ich weiß gar nicht wieso. Ich meine, klar. Man wird älter, irgendwann ist man eben „raus aus dem Alter“. Aber das ist es nicht. Ich habe das Gefühl ich habe nie verstanden wieso es auf eimal aufgehört hat.

Und auf einmal fällt mir auf, dass da die Verbindung liegt wieso ich ich bei all meinen Partner nur glücklich bin wenn körperliche Nähe da ist. Weil ich ganz dolle Angst habe sie zu verlieren. Obwohl es keinen Anlass gibt. So wie es damals auch keinen Anlass gab. Also ja, es gab sicherlich einen. Aber ich konnte ihn als Kind nicht sehen. Konnte nicht verstehen wieso diese Nähe einmal aufgehört hat. Ich denke meine Partner verlassen mich wenn ich mich nicht an sie klammere. Habe Angst, dass wenn ich weg bin, ich es nicht schaffe potenzielle Trennungen zu erkennen und zu verhindern. So wie damals. Ich habe es einfach nicht ändern können. Es war auf einmal einfach so. Die schlaue Frau erklärt wieso sie darauf hinaus will. Sie sagt unter anderem, dass so eine Situation auch ein Verlassenheits- Gefühl bei Kindern hinterlassen kann. Wahrscheinlich hat es das. Wahrscheinlich hat es sich so angefühlt als hätte mich die Person auf einmal verlassen. Zumindest auf dieser Ebene.

Und ihr glaubt es nicht, aber in meinem Kopf hat es sich für einen Moment so befreiend angefühlt. Diesen jahrelang durchlebten Kreis zum ersten Mal irgendwie zumindest für nur einen Moment schließen zu können. Dass ich diese Frage wieso ich dauernd klammer obwohl ich nie eine extreme Verlustsituation erlitten habe endlich zumindest in Ansätzen begründen kann. Und ich bin gleichzeitig so unendlich traurig über diese Vorstellung so als Kind gefühlt zu haben. Ich will mir nicht diese Sicherheit nehmen. Diesen Sorglos-Menschen. Diese Vorstellung, dass diese Person mein Anker war. Auf einmal gibt es da etwas, was die Person „falsch“ gemacht haben soll. Aber es wird stimmen. Denn mein inneres Kind hat die Reaktion bei meiner schlauen Frau von ganz alleine aus mich herauskommen lassen . Die schlaue Frau hat mich nur hingeleitet zum eigentlichen Gefühl. Ich bin immernoch fasziniert, wie das immer wieder klappt.

Und es ist ja so: nur weil die Person mir irgendwann mal unbewusst das Gefühl vermittelt hat, mich verlassen zu haben heißt das ja nicht, dass sie nicht mehr mein Anker sein kann. Aber um das zu verstehen müssen wir das Kind heilen. Und das geht nur indem wir solche Gefühle rausholen.

Ich bin also mächtig verwirrt. Befreit. Ängstlich. Aber gleichzeitig auch froh. Nicht aufgeben. Stark bleiben.


Und eine Sache noch: Auch wenn sich das immer wiederkehrende Vermissen und ständige wieder in Kontakt mit meinem Ex treten so anfühlt wie jedes Mal davor, sagt meine schlaue Frau ist dies nicht der Fall. Sie sagt es sind normale Teile der „Aufwärtsspirale“ Man kommt immer wieder in kleine Loopings in dieser Spirale auf dem Weg nach oben, die sich vermeintlich so anfühlen wie die Loopings zuvor. Aber eigentlich gibt es immer etwas, was man vor dem Looping und nach dem letzten Looping schonmal besser gemacht hat. Es gibt Fortschritte . Es fühlt sich für uns nur oft nicht so an. Wir vergessen die Fortschritte dann gerne. Mein Fortschritt im Vergleich zum letzten Looping: Ich habe es geschafft das Loch schneller zu verlassen. Ich bin eher wieder rausgetreten. Und das ging nur, weil ich die Enttäuschung und die Trauer früher zugelassen habe.

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