Schematherapie

Heute möchte ich euch etwas zu meinem aktuellen Therapieansatz erzählen. Ich arbeite mit meiner schlauen Frau nach dem Ansatz der Schematherapie. Kein Gewähr auf Korrektheit oder Genauigkeit der Angaben. Das ist nur mein selbst angeeignetes Fachwissen vermischt mit eigenen Erfahrungen.

Bei dem Ansatz sind Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie eng miteinander verknüpft. Die Grundannahme ist, dass jedes Verhalten, was wir heute an den Tag legen, irgendwann erlernt wurde. Außerdem wird davon ausgegangen, dass wir uns in unterschiedlichen Situationen in verschiedenen Modi (Plural von Modus) befinden. Ausgelöst durch Gefühle, die wir bereits irgendwann vorher schonmal erlebt haben (meist in der Kindheit). Dabei wird davon ausgegangen, dass Kinder nur elementare Gefühle empfinden können. Dazu zählen z.B. Angst, Freude, Trauer oder Wut.

In der Schematherapie wird zwischen verschiedenen Modus- Typen unterschieden: Erwachsene-Modi, Kind-Modi und Bewältigungs-Modi.

Erwachsene- und Kind-Modi.

Ein Beispiel: Wenn ich heute einen Streit führe und dabei vollkommen wütend werde, handel ich in dem Moment ja offensichtlich erstmal als erwachsene Lynn.

Dabei ist es aber sehr wahrscheinlich, dass in mir ein wütender Kind-Modus aktiviert ist. Ein Wut- Gefühl, was ich irgendwann in einer (oder mehreren) Situation (en) in meiner Kindheit schonmal empfunden habe. Das Gefühl hat sich mitsamt eines bestimmten Verhaltens als „Schema“ in mir verankert. Dieses Schema rufe ich jetzt als erwachsene Lynn „wieder“ ab. Deshalb reagiere ich wütend auf eine bestimmte Situation.

Es können in einer Situation auch mehrere Kind-Modi gleichzeitig aktiviert sein. So ist es auch möglich, dass in der Streit-Situation neben dem wütenden auch das verletzte, traurige Kind in mir aktiviert wird. Wir können in einer Situation also gleichzeitig wütend, aber auch traurig und verletzt sein.

Genauso wichtig ist aber auch der glückliche-Kind-Modus. In diesem Modus empfinden wir in der Regel Gefühle wie Glück, Zufriedenheit und Unbeschwertheit.

Zu den Erwachsenen-Modi zählt vor allem der gesunde Erwachsene. Darunter fallen Fertigkeiten wie z.B. ein respektvoller Umgang . Die Fähigkeit, Gefühle angemessen regulieren und artikulieren zu können. Oder Gespräche auf Augenhöhe führen zu können. Verhaltensweisen des gesundenen Erwachsenen sind in der Regel weder für uns noch für andere „schädigend“.

Wenn wir uns im Erwachsenen-Modus befinden, vermittelt uns unser Gegenüber immer bestimmte „Du- Botschaften“. Es sind meist Interpretationen der Situation. Gedanken, die ich mir als erwachsene Lynn aufgrund von alten Gefühlen in der Kindheit selbst kreire. Die Botschaften müssen nicht immer der Realität entsprechen.

Ein Beispiel: ich hatte einen schlechten Tag. Möchte mit einem Freund darüber sprechen. Schaffe es allerdings nicht mein Gefühl oder eher Bedürfnis ihm gegenüber zu artikulieren (das ist nicht „gesund“). Denn er kann nicht wissen, dass ich ihn gerade bräuchte. Er weist mich zurück und sagt, dass er gerade keine Lust hat viel zu reden (Bedürfnis artikuliert = gesunder Erwachsener). Wahrscheinlich ist er müde. Das sehe ich aber nicht. Ich bin enttäuscht, fühle mich zurückgewiesen und die erwachsene Lynn denkt :

Du bist nicht wichtig. Du bist eine Belastung. Du musst immer für alle da sein.

Die Botschaften decken sich vermutlich nicht mit der eigentlichen Message meines Freundes. Die Du-Botschaften basieren wie gesagt in der Regel auf aktivierten Gefühlen verschiedener Kind-Modi. Ich fühle mich unwichtig, weil ich zurückgewiesen wurde. Weil ich das als Kind schonmal so empfunden habe.

Es folgt ein kritisches Zusammenspiel von Gedanken und den in der Kindheit aktivierten Gefühle. In der beschriebenen Situation sind bei mir folgende Gefühle aktiviert worden: Angst, Wut, Trauer.

Angst vor dem Alleine-Sein. Ich hatte schon als Kind Angst davor alleine gelassen zu werden. Es gab viele Situationen, in denen es meiner Mama nicht möglich war, mir die Aufmerksamkeit zu schenken, die ich vielleicht gebraucht hätte. Ich nehme es ihr nicht übel. Denn sie ist und war immer eine tolle Mama. Sie liebt ihre Familie über alles. Aber es gab einfach manchmal andere belastende Dinge für sie, die ihren Fokus eingenommen haben. Ist ja auch nicht schlimm. Denn keine Mama ist perfekt. Aber als Kind habe ich da scheinbar viel Angst bekommen. Diese Angst wird seitdem in verschiedensten Situationen, in denen ich zurückgewiesen oder verlassen werde immer wieder aktiviert. So auch im Beispiel.

Die Wut (wütender Kind-Modus) habe ich verspürt, weil ich nicht verstehen wollte, dass mein Freund es nicht persönlich meinte. Es war mir nicht möglich zu verstehen, wieso er jetzt nicht für mich da ist. Denn ich war bis dato noch jederzeit für alle da. Also müsste er es doch auch sein…

In der Kindheit war ich, so finden wir heute in der Therapie heraus, wohl auch häufig traurig und wütend darüber, etwas weniger Aufmerksamkeit für meine Gefühle zu bekommen als scheinbar nötig.

Das heißt nicht, dass meine Mama sich nicht gekümmert hat. Oder mich alleine gelassen hat. Das heißt nur, dass man sich um um mich nicht groß sorgen musste. Denn ich war die, die immer lacht. Ab und zu mal einen Wutanfall hat. Nicht so gut alleine spielen kann und auch ab und zu mal etwas mehr Angst hat. Was aber eben im Vergleich zu den anderen Sorgen nun wirklich nicht schlimm war. Warum auch? Ich hatte ja auch alles, was ich brauchte. Liebe, Zuneigung, eine tolle Familie.

Irgendwie bin ich trotz aller Fürsorge und Liebe meiner Eltern zu kurz gekommen. Und das hat mich traurig gemacht. Außerdem gab es ein weiteres Problem : Ich habe als Kind schon echt gut wahrnehmen können, wie es meinen liebsten Menschen geht. Diese Über – Empathie habe ich heute immernoch. Und daraufhin habe ich mir schon als Kind angeeignet meine Bedürfnisse zurückzustellen/unterzuordnen. Es gibt wichtigere und viel schlimmere Dinge. Ich wollte nie zu einer Belastung für meine Mama werden. Ich wollte immer für sie da sein, aber nie meine Bedürfnisse zu ihren Sorgen machen. Habe mich damit aber so sehr unter Druck gesetzt ihr nicht auch noch Sorgen zu bereiten, dass genau das Gegenteil passiert ist. Zwischen uns gab es eine zeitlang sehr viel Streit, Wut, Tränen und viele böse Vorwürfe.

Dieses „eigene Gefühle zurückstellen/unterordnen“ ist ein Bewältigungsmodus, der mir heute immernoch oft begegnet. Vor allem in Beziehungen oder auch beim Sex (Tabu-Thema? Finde ich nicht) merke ich immer wieder, dass ich dazu tendiere meine Gefühle und Bedürfnisse zurückzustellen. Es ist mir häufig wichtiger, dass es dem Anderen gut geht.

Die Lösung: Selbstachtung. Klappt immer besser. 🙂

Bewältigungs- Modi.

Im Bewältigungs-Modus befinden wir uns wenn wir bestimmte Bewältigungsstrategien anwenden. Die Strategien sind teilweise so individuell, wie jeder von uns. Dennoch gibt es durchaus bestehende Übersichten mit „typischen Mustern“ für unterschiedliche Gefühle. Wenn ihr dazu mehr wissen wollt schreibt mir gerne eine Mail.

Bewältigungssttategien kennt und hat jeder von uns. Ohne können wir eigentlich gar nicht leben. Deswegen muss man bei den Strategien zwischen funktionalen und dysfunktionalen Anteilen unterscheiden. Durch die fehlende Emotionsregulierung habe ich mir viele Strategien angeeignet, die mehr dysfunktional als funktional sind. Um Gefühle nicht fühlen zu müssen, sie zu kompensieren oder aber zu umgehen.

In der Situation mit meinem Freund:

Ich habe nach seiner Zurückweisung Kontakt zu einigen anderen gesucht um der Einsamkeit entgegen zu wirken. Dabei habe ich es allerdings erneut nicht geschafft meine Gefühle zu artikulieren. War also nicht ganz funktional. Dann habe ich viel Leere empfunden. Leere hilft, keine anderen Gefühle zu empfinden. Da ich Leere aber auch nur schwer aushalten kann, weil dann kein intensives Gefühl da ist, habe ich versucht diese mit Musik zu füllen. Ich kann mit Musik wann immer ich will intensive Gefühle herbeiführen. Ich identifiziere mich mit ihr. Das ist übrigens nach wie vor immernoch einer meiner stärksten Bewältigungsstrategien. Musik. Fluch und Segen zugleich.

Außerdem habe ich mich mehrmals bei meinem Freund entschuldigt, weil ich dachte für ihn eine Belastung gewesen zu sein. Das passiert mir sehr oft. Ich erwische mich dabei, dass es für mich selbst nicht in Ordnung ist ab und zu eventuell mal mehr Aufmerksamkeit zu brauchen. Und entschuldige mich dann. Er konnte das nicht nachvollziehen, da er mir ja ursprünglich gar nicht vermitteln wollte, dass ich unwichtig für ihn bin. Für ihn gab’s also keinen Anlass eine Entschuldigung auszusprechen (gesunder Erwachsener: differenzierte, neutrale Betrachtung)

Es gibt noch viele weitere Bewältigungsstrategien, die ich mir schon vor langer Zeit angeeignet habe, die mir als jetzige große Lynn Probleme bereiten. Sie verhindern den Zugang zum eigentlichen Gefühl. Das ich aber eigentlich spüren muss, um es anzunehmen und aufzuarbeiten.

Die Schematherapie versucht also anhand von Situationen Gefühle auf den elementaren Kern zu reduzieren. Zu schauen welche Gefühle in der Situation eigentlich aktiviert worden sind. Und welche Strategien aktiv sind um dem Gefühl entgegenzuwirken. Und dann wird z.B. durch sogenannte Imaginationsübungen versucht eine Verbindung zum inneren Kind aufzubauen. Und das negative Gefühl auch rückwirkend auf der imaginären Ebene aufzulösen.


Ich habe immer gesagt: ich habe keine wirklich negativen Erfahrungen in der Kindheit gemacht. Weil ich Gott sei Dank nie irgendwelche Traumata erleben musste. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen, mit Liebe, Zuneigung und Geborgenheit. Und doch finden wir in der Therapie langsam und Schritt für Schritt immer mehr Auslöser für meine heutigen Gefühle und meine Bewältigungsstrategien. Und ja, sie liegen häufig in der Kindheit. Sie sehen rückblickend betrachtet gar nicht so schlimm aus. Aber als Kind habe ich da wohl anders empfunden. Auch wenn ich das nicht gedacht hätte.


Kurz und knackig:

Die Schematherapie versucht alte dysfunktionale Verhaltensmuster/ Schemata, aufzubrechen, indem prägende Gefühle sowie angeeignete Bewältigungsstrategien aus der Kindheit erfasst und aufgearbeitet werden. Selbstakzeptanz ist hierbei von starker Bedeutung. Alte Muster sollen durch neue, alternative Verhaltensmuster für den Umgang mit bestimmten Gefühlen ersetzt werden. Der gesunde Erwachsene wird gestärkt. Und das glückliche Kind in einem wieder aktiviert. Neue Verhaltensmuster sind nicht von heute auf morgen da. Es kostet viel Zeit und viel Energie, sich von seinen alten, fest verankerten Schemata zu lösen und sie durch neue zu ersetzen.

Ich habe nun ungefähr die Hälfte meiner Sitzungen rum. Danach wird es keine Verlängerung geben. Macht mir Angst. Aber ich sehe, was ich schon alles geschafft habe. Und auch wenn ich gerade im Chaos- Zustand bin, weiß ich, dass ich noch viel erreichen kann. Der Chaos-Zustand ist laut meiner schlauen Frau normal. Wir brechen alte Muster auf, es gibt aber noch keine standfesten Alternativen. Das verunsichert unser Unterbewusstsein. Wir fühlen uns als wäre alles das reinste Chaos. Und wir fühlen uns dabei hilflos. Sind wir aber nicht.

Haltet euch vor Augen, was ihr alles schon geschafft habt. Dann könnt ihr weiter machen. Einfacher gesagt als getan – weiß ich zu gut. Aber versuchen könnt ihr es ja trotzdem. Zumindest hin und wieder mal.

2 Kommentare zu „Schematherapie

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