Was ist Borderline?

Hallo. Heute ist etwas Raum für allgemeine Worte. Denn mein Tag läuft bis jetzt richtig gut. Bis auf doofe Bauchschmerzen. Aber die Sonne scheint mal wieder ! Einfach großartig! ☀️

Was ist eigentlich die Borderline Störung? Naja. Man könnte seitenlange Texte dazu schreiben. Und doch nicht zum Punkt kommen. Ich versuche es mal einfach zu halten hier. Ist aber etwas länger der Text. Wer mich oder die Krankheit etwas mehr verstehen möchte, sollte sich also einen Moment Zeit nehmen. Zuerst ist zu sagen: jede Borderline Störung ist individuell!

Grundsätzlich zählt die Borderline Störung zum Bereich der Persönlichkeitsstörungen. Trotz der starken Individualität lassen sich dennoch typische Symptome laut DSM-IV wie folgt definieren (nicht wortgenau):

1. Verlustängste und damit verbundene verzweifelte Bemühungen diesen entgegen zu wirken.

2. zwischenmenschliche Probleme : unbeständige, oft unangemessen intensive zwischenmenschliche Beziehungen.

3.Fehlen eines klaren Identitätsgefühls

4. Impulsivität bei tendenziell selbstschädigenden Verhaltensweisen: z.B. Drogen-/ Alkoholmissbrauch, Gefahrensituationen beim Sex, übermäßiges Essen.

5. Selbstverletzendes Verhalten und suizide Gedanken.

6. Fehlende Emotionsregulierung: starke Stimmungsschwankungen/ extreme Reaktionen bei situationsbedingtem Stress

7. chronische Gefühle von Leere oder Langeweile.

8. häufige / unangemessene Wutausbrüche.

9. vorübergehende, stressbezogene Gefühle von Irrealität oder Paranoia –> Verzerrung des eigenen Denkens/Wahrnehmens.

Eine Diagnose lässt sich stellen, wenn mindestens 5 von den 9 Symptomen zutreffen.

Ich leide nicht unter all diesen Symptomen. Und ich finde solche Kategorisierungen grundsätzlich schwierig. Aber auch notwendig. Denn sie helfen gezielter Medikamente für Krankheiten zu entwickeln und Therapien zu spezifizieren. Außerdem hilft es mir als Betroffene mir selbst (und auch anderen) zu erklären, warum ich manchmal wie handel.

Womit ich am meisten zu kämpfen habe: die Verlustängste. Ich bemühe mich stetig darum niemals alleine zu sein. Dafür klammere ich mich meist an meinen Partner oder wenn ich keinen habe an alte Geschichten. Das gibt mir vermeintlich Sicherheit.

Bin ich in einer Beziehung habe ich ständig Angst den anderen zu verlieren. Dadurch (und auch durch meine fehlende Emotionsregulierung) entsteht häufig Streit, der meine Angst nur noch mehr verstärkt. Denn in Streitigkeiten werde ich hässlich. Es ist als würde ich den anderen hassen. Und eine Sekunde später wieder heiraten wollen. Dann bettel ich ihn an mich nicht zu verlassen. Weil ich ihn „brauche“. Es gibt Versprechungen über Versprechungen. Und am Ende waren alle meine Beziehungen früher oder später immer unbeständig und viel zu intensiv. Die Wellen in mir und die dauerhaften Streitigkeiten ließen uns eine Achterbahnfahrt erleben, bei der der Spaß irgendwann verschwindet. Extreme Hochs und extreme Tiefs sorgten dafür, dass jede Liebe irgendwann verblasst. Punkt zwei erfülle ich damit also auch.

Dass ich kein klares Identitätsgefühl habe, trifft auf mich weniger zu. Ich denke ich habe erstmal einen guten Zugang zu mir. Schon immer. Meine schlaue Frau sagte mir, dass es Borderliner gibt, die es gar nicht erst schaffen sich selbst zu reflektieren. Ich kann das gut. Habe dafür aber mehr mit meiner Impulsivität bezüglich sofortiger Bedürfnisbefriedigung zu kämpfen.

Die Impulsivität bei selbstschädigendem Verhaltensweisen kenne ich nur in Ansätzen. Ich merke, dass ich ab und zu dazu tendiere Alkohol zu trinken wenn’s mir schlecht geht. Meistens bin ich am Ende des Abends betrunken. Und dann kicken mich meine Verlustängste sowie meine verzerrte Realität ( Punkt 9) nur noch mehr weg. Das kommt aber nicht allzu oft vor, daher nur in Ansätzen.


[ACHTUNG: TRIGGER WARNUNG]

Punkt 5 erfüllt das typische „Borderline-Klischee“. Selbstverletzung war bei mir sehr lange ein Thema. Man sagt Borderliner machen es um den Schmerz zu fühlen. Weil sie sich selbst oder ihre Gefühle nicht mehr wahrnehmen können. Oder für „Aufmerksamkeit“ . Um am nächsten Tag sehen und zeigen zu können wie intensiv ihre Gefühle waren. Ich habe mich eigentlich nie so verletzt, dass andere es nachher sehen konnten. Ich habe mir immer gegen den Kopf gehauen. Daher ging es bei eigentlich nie um Aufmerksamkeit.

Bei mir ist Selbstverletzung in der Regel eher aus Überforderung heraus entstanden. Mit der Situation oder auch ganz viel mit mir selbst. Habe mich oft selbst gehasst dafür, dass ich „nun wieder einen Streit angefangen habe“. Konnte es aber nicht ändern. Also war ich überfordert. Durch meine Jugendpsychotherapie habe ich viele Skills erlernt. Mit Hilfe dieser habe ich es geschafft das Thema Selbstverletzug in den Hintergrund zu rücken. Es kam damals über Jahre jeden Tag vor, mittlerweile passiert es nur noch selten. Kommt immer auf die Beziehung an, die ich gerade führe.

[TRIGGER ENDE]

Mit Stimmungsschwankungen habe und hatte ich schon immer zu kämpfen. Vor allem in stressigen Situationen. Siehe auch meinen Beitrag kurze Momentaufnahme. Oder auch der Beitrag Like waves in the Ocean. Es ist einfach dieses unfassbar nervige schwarz-weiß Denken.

So auch das chronische Gefühl von Leere und Langweile. Ich kämpfe viel damit. Es wird dank der aktuellen Therapie besser, allerdings bin ich noch nicht am Optimum angekommen. Ich merke, dass mein Handy und der darüber dauerhaft bestehende Kontakt zu anderen Menschen für mich unabdingbar sind. Ich habe Schwierigkeiten es wegzulegen, weil ich mich dann alleine fühle. Ich habe Angst vor der Leere, die dann kommt.

Ein Gefühl von Leere empfinde ich aber auch häufig nach einem „Aussetzer“ . So beschreibe ich Situationen, in denen ich die Kontrolle und den Zugang zu mir verliere. In denen ich wirklich nicht mehr rational denken kann. Weil meine Gefühle mich völlig übernommen haben. Wenn das Gefühl nachlässt, werde ich müde. Ich weine zuerst. Und dann fühle ich mich leer. Ich fühle dann gar nichts. Und ich habe dann meist keinen Zugang mehr zu dem, was ein paar Minuten vorher passiert ist. Es ist als wäre es eine andere Person gewesen, die da gesprochen und gehandelt hat.

Dies führt auch irgendwie zum letzten Punkt. Meine Sicht auf die Realität kann in gewissen Situationen komplett verzerrt sein. Dabei ist meine Wahrnehmung zu sehr auf ein bestimmtes Gefühl fokussiert. Ich hasse das. Das macht so viel kaputt. Wenn ich extrem in einem Einsamkeitsgefühl drin hänge, bin ich zum Beispiel häufig der festen Überzeugung, dass meine letzte Beziehung zwar nicht ganz optimal verlief, ich sie aber unbedingt wieder zurück brauche. Negative Aspekte sowie die eigentliche Realität werden ausgeblendet.

Ebenso bei übermäßiger Freude: bin ich so euphorisch, dass ich alles an negativen Aspekten um mich herum ausblende, kann das zu Schwierigkeiten führen. Beispiel von früher: Ich lerne jemanden kennen. Ich bin mir sicher, diesmal ist’s wirklich der richtige. Ich blende vollkommen aus, ob wir wirklich zusammen passen. Steigere mich viel zu sehr in meine Freude rein und bin mir sicher: wir werden auf jeden Fall irgendwann heiraten. Der andere verliebt sich derweil, wie es gesunde Menschen nunmal tun. Und manchmal dauert es nur ein paar Momente, bis meine Sicherheit kippt und ich den anderen verletze. Ich falle aus der idealen Scheinwelt heraus. Und ja, dann falle ich erstmal. Einer meiner Bekanntschaften sagte zu mir: ‚Ich dachte du gibst uns ehrlich eine Chance. Du hast doch nicht nichts gefühlt.‘ – Ja. Dachte ich auch. Dachte ich wirklich. War auch so. In den euphorischen Momenten. Aber dann kommt die Realität zurück. Und die sagt was anderes. Mein Kopf fährt Karussell und denkt:

Ich habe Angst was einzugehen. Ich könnte verlieren. Ich möchte und brauche aber egientlich jemanden um nicht alleine zu sein. Ich wünschte mir so sehr, dass ich es endlich schaffe. Aber nein, Vertrauen ist schwierig. Nachher geht es wieder kaputt. Aber eigentlich ist die Person doch perfekt, oder nicht? Was wenn ich die Chance auf mein Glück verpasse? OK. Ja. Wir lassen uns drauf ein. Nein, besser doch nicht.

Ich glaube meine verzerrte Wahrnehmung und die instabilen Beziehungen resultierend aus meiner Verlustangst sind derzeit noch meine größten Schwächen. Alles andere habe ich mehr oder weniger gut im Griff. Und das war definitiv nicht immer so. 2,5 Jahre Therapie haben mich schon um einiges weiter gebracht. Ich will allen Betroffenen also auch Mut machen.

Denn meine schlaue Frau sagte zu mir “ Wir können Sie nicht heilen. Wir können ihre Borderline Störung nicht heilen. Aber wir können Verhaltensweisen erlernen, die Ihnen helfen besser damit umzugehen.“

Ich werde also immer jemand sein, der anfällig dafür ist, Gefühle intensiver als andere zu empfinden. Aber auch darauf kann ich mich vorbereiten.

Ich werde bei Zeiten noch weiter auf einzelne der Symptome eingehen. Für heute reicht es erstmal.

Genießt den Abend.

Ein Kommentar zu „Was ist Borderline?

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