Von Euphorie, Liebe und dem Loslassen

Puh. Erstmal durchatmen.

Seit gestern Morgen war ich fast jede Minute unterwegs, wenn nicht war ich hier im Blog unterwegs. Eigentlich ist das gut, oder? Unterwegs sein, die liebsten Menschen (und ja nur die! Corona, I got ya) besuchen und genießen. Fühlt sich auch gut an. Aber irgendwie zu gut. Zumindest für den Moment.

Meine Euphorie der letzten Tage macht mir zu Schaffen. Ich frage mich oft wie lange sie anhält. Habe Angst, dass es nur ein Schutzmodus ist. Damit ich nichts anderes fühlen muss. Und weniger denke. Es fällt mir schwer zu unterscheiden ob das Gefühl wirklich „gut“ ist oder ob es nur gut ist, weil ich mich hervorragend davor drücke mich mit mir selbst zu beschäftigen.

Wenn ich versuche das Gefühl einfach anzunehmen schaffe ich das auch. Bis ich mich schlafen lege. Dann liege ich da. Mein Körper völlig aufgedreht, mein Kopf am hin und her schwanken. Zwischen „Hey, es ist schön, dass du dich heute gut gefühlt hast. Und: „Ich bin absolut überfordert mit diesem guten Gefühl. Es soll aufhören“.

Fühle mich irgendwie doch wohler im Schwarz. Das kenne ich wenigstens.

Denn ich habe bisher keine Coping-Strategien erlernt dieses übermäßige Weiß, diese übermäßig guten Gefühle zu regulieren. In der Therapie haben wir bis jetzt hauptsächlich über den Umgang mit dem schwarz gesprochen. Alle angeeigneten Strategien (z.B. Meditation, Atemübungen, Achtsamkeitsübungen) zeigen keine Wirkung beim Versuch meine „überschwängliche Euphorie“ zu regulieren.

Warum bisher nur Coping-Strategien für den Umgang mit dem Schwarz ? Naja. Das hatte die letzten Monate die Überhand. Nachdem ich lange versucht habe alleine damit zurecht zu kommen, versuche ich es seit September mit meiner neuen Psychotherapeutin. Wir versuchen das schwarz in meinem Kopf in eine Art grau zu verwanden (grau = nicht allzu schlecht, nicht allzu gut). Wir arbeiten und brechen alte, dysfunktionale (schädliche) Verhaltensmuster auf und versuchen sie durch neue funktionale (gesunde) zu ersetzen.

Meine letzte Beziehung endete zeitgleich mit dem Beginn der neuen Therapie. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Mir war klar, dass ich dieses Mal anders trauern will. Dass ich gegen meine Muster kämpfen will. Mich nicht in die nächstbeste Beziehung retten will. Auch nicht in die nächstbeste Sex-Beziehung. Denn da verliere ich sowieso immer.

Ich hatte bisher vier längere Beziehungen, davon war nur eine überwiegend „liebevoll“ und „harmonisch“. Die letzte war es nicht. Und trotzdem haben wir knapp ein Jahr durchgehalten. Wovon wir ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz für mich gehofft haben.

Jedenfalls wollte ich diesmal für mich selbst sorgen nach der Trennung. Wollte die Beziehung nicht einfach mit jemand anderen vergessen. Denn ich liebte diesen Mann wirklich. Zumindest gehe ich davon aus. Das Thema Liebe ist nämlich ganz schön schwierig bei Borderlinern. Häufig fällt es uns schwer zwischen „Liebe“ und „Nicht-Alleinsein-Wollen“ zu unterscheiden.

Ich habe also direkt nach der Trennung gesagt: Ich mache es diesmal anders. Keine reinen „Spaß Beziehungen“. Keine neue „große Liebe“. Ich will mir selbst genug sein. Und diesmal schaffe ich es dank der Therapie sicherlich auch.

Die letzten Monate waren dann unglaublich anstrengend. Jede Woche Therapie. Jede Woche neu aufarbeiten, was alles schief läuft bei mir. Ich habe schon locker 5 mal gesagt „Ich höre auf. Viel zu stressig alles.“ Aber ohne geht es ja auch nicht besser. Habe ich oft genug probiert. Also weiter hingehen.

Und ich konnte vor kurzem mein erstes Erfolgserlebnis verzeichnen: Habe das erste Mal für mich entscheiden können keine Bindung eingehen zu wollen. Weil ich gerade nur für mich sein möchte. Plan B im Kopf sagt natürlich: Wenn überhaupt nur mit dem Menschen, den ich zuletzt geliebt habe. Mit dem war es vermeintlich einfacher. Aber dabei blende ich gerne mal die negativen Aspekte aus.

Loslassen liegt mir nicht. Unermüdliche Hoffnung zu haben dagegen ziemlich gut.
Jedenfalls klingt der Weg zur Entscheidung super leicht.

War er aber überhaupt nicht. Das Chaos meiner Gefühle war riesig. Ich hasse es Menschen weh zu tun. Skurrill oder? Denen, die ich am meisten liebe (oder geliebt habe), habe ich bisher immer am meisten weh getan. Frei nach dem Motto „Ich hasse dich, aber bitte verlass mich nicht.“

Ich hasse es auch alleine zu sein. Zumindest war das immer so. Aber jetzt habe ich es das erste Mal geschafft zwischen „Nicht-Alleine-Sein-Wollen“ und „Liebe“ zu unterscheiden. Ich bin stolz auf mich. Obwohl mich dieser Stolz gleichzeitig auch wahnsinnig überfordert. Weil er zu meiner aktuellen Euphorie beiträgt. Weil ich auf einmal auf mich gehört habe. Und das ist sowas von gar nicht vertrauenswürdig. Habe einfach schon viel zu oft alles falsch entschieden. Und weil ich Angst habe, dass ich bald wieder in das schwarz falle.

Davor, dass das Gefühl der übermäßigen Freude nur für diesen Moment bleibt.
Und dann die Erinnerungen, Trauer, Ängste und Wut zurückkommen.
Nichts dazwischen. Kein grau halt.

Das extrem positive fühlt sich also auch beängstigend an. Und es lässt mich genauso wenig schlafen wie das extrem negative. Das graue Mittelmaß wäre wirklich schön. Aber soweit bin ich noch nicht.

Ich weiß, irgendwann schaffe ich es, denn ich bin stark. Meine Therapie macht mich stark. Meine Freunde machen mich stark. Meine Familie macht mich stark. Borderline macht mich stark.

Und auch wenn du dich noch nicht stark fühlst, sei dir immer sicher, dass das kommen kann: wenn du es zulässt.

In diesem Sinne: Everything happens for a reason. Be patient. Stay positive.

Eure Lynn

PS: So durcheinander wie dieser Beitrag inhaltlich ist, ist übrigens auch mein Kopf gerade. Aber genau das macht diesen Blog aus. Ich habe kein Patentrezept für euch. Nur Erfahrungen, Gedanken und Gefühle aus meiner Welt.


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